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Hiob oder Die Frage nach dem Leid

von Kathrin Wexberg

Das Buch Hiob erzählt die Geschichte eines Menschen, dem sehr unvermittelt Schlimmes passiert. Zunächst verliert er all seine Kinder und all seinen Besitz bei einem Unglück. Dennoch kommt kein böses Wort gegen Gott über seine Lippen. Doch dann wird er von einer schrecklichen Krankheit befallen, die ihn völlig entstellt. Da verflucht er den Tag seiner Geburt.

Drei seiner Freunde besuchen ihn – sie setzen sich zu Hiob auf den Boden und sprechen zunächst sieben Tage und sieben Nächte kein Wort, weil sie spüren, wie tief sein Schmerz ist.
Doch dann beginnen sie mit ihm zu reden und versuchen mit verschiedenen Argumenten, ihn zu trösten. Aber Hiobs Leid ist so groß, dass er keines dieser Erklärungsmodelle annehmen kann und will. Nach einem sehr heftigen und emotionalen Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden ergreift dann Gott selbst das Wort und sagt Hiob, dass er seine Größe und Allmacht annehmen muss. Hiob akzeptiert das und bereut seine vorherigen Anklagen – daraufhin wird er von Gott belohnt, indem er ihm doppelt so viel von dem gibt, was er vorher verloren hat.

Es ist wohl kein Zufall, dass der Frage nach dem Umgang mit Leid im Alten Testament ein ganzes Buch, eben die Geschichte von Hiob, gewidmet ist, ist sie doch eine ganz zentrale Lebensfrage. Die Frage nach dem Leid lässt sich nicht einfach ausblenden – egal, ob in einem mitteleuropäischen Wohlstands-Land oder in einem strukturell benachteiligten Land des Südens, egal, ob man in einer Villa lebt oder einer Wellblechhütte, in irgendeiner Form bleibt die Frage nach dem Leid wohl niemandem erspart. Die Geschichte von Hiob ist keine, die eine einfache Antwort auf diese Frage liefert, sondern eine, die sehr eindrucksvoll davon erzählt, wie ein Mensch mit seiner persönlichen Leiderfahrung umgeht.

Hiob belässt es nicht bei seinem zunächst sehr demütigen „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn“, irgendwann wird der Schmerz so groß, dass er seinem Zorn, seiner Wut freien Lauf lässt und mit Gott hadert. Wer nicht klagt, nimmt sich selbst nicht ernst. Und vielleicht ist es auch so mit Gott – vielleicht wird er gerade dann zum ernstzunehmenden Gegenüber, wenn man ihm wie Hiob seine Fragen und sein Unverständnis nicht verschweigt. Gott ist für Hiob ein Du, dem er seine Wut entgegenschreit. Das Buch Hiob ist ein Text von enormer Sprachgewalt – wie auch die Frage nach dem Leid eine gewaltige und unfassbare ist.

Der Gott Hiobs ist kein sympathischer, mitfühlender Gott, sondern ein ferner und unberechenbarer, eine Gotteserfahrung, die wohl gerade in extremen Leid-Situationen sehr nachvollziehbar ist. Würde sich Hiob nur demütig in sein Schicksal ergeben und Gott nicht widersprechen, bliebe er auch weit weg. Erst durch seine heftigen Klagen und sein Hadern wird Gott nah und wird ein „Gespräch“ zwischen den beiden möglich. Und das wiederum ist eine Erfahrung, die wohl in Beziehungen zwischen Menschen ganz ähnlich abläuft – wenn man einander gleichgültig ist oder wird, sich nicht miteinander streiten traut, um den schönen Schein zu wahren, ist man irgendwann auch sehr weit voneinander entfernt. Erst in der Auseinandersetzung, auch wenn sie so heftig verläuft wie die zwischen Gott und Hiob, wird Beziehung möglich.

Quelle: Hans-Joachim Remmert: Ich bin nicht Ijob! In: zwölfmal bibel – Lese- und Arbeitsbuch zur Bibel, herausgegeben vom Katholischen Bibelwerk e.V. Stuttgart, Verlag: Katholisches Bibelwerk

aus: kumquat nr 1/2003 zum Thema Bibel
GruppenleiterInnenzeitschrift
der Jungschar der Erzdiözese Wien