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Sexualpädagogik

Von klein auf sind Mädchen und Buben geschlechtliche Wesen. Die Spannung zwischen liebevollem Miteinander und schützender Abgrenzung voneinander ist Jungscharalltag. Sexualpädagogik stärkt Kinder in ihrer Selbstbestimmung und übt die Achtung vor dem Leben anderer.

Was ist gemeint ?

Sexualpädagogik ist ein Teilgebiet der Allgemeinen Pädagogik, das sich mit der Entwicklung, Bedeutung und Ausprägung menschlicher Sexualität beschäftigt. Unter dem Einfluss der Lehren Sigmund Freuds spaltete sich im 20.Jhdt. die Sexualpädagogik allmählich als Bereich mit eigenständiger Theoriebildung von der Religionspädagogik ab. Bis dahin war die Auseinandersetzung und Bewertung menschlicher Sexualität an die Grundaussagen der (christlichen) Theologie gebunden, die daraus die entsprechende Erziehung und Unterweisung der Kinder und Jugendlichen ableitete.

Sexuelle Sozialisation und Sexualerziehung

Sexuelle Sozialisation passiert meist "beiläufig" und hat Zielsetzungen, die oft unbewusst oder unreflektiert sind: Sobald bei einem neugeborenen Kind das biologische Geschlecht festgestellt worden ist, wird ihm das soziale Geschlecht zugewiesen. Aus der Tatsache, dass hier ein Mädchen oder ein Bub zur Welt kommt, leitet die Umwelt die Verpflichtung und das Recht ab, das Kind in einigen Teilbereichen des Verhaltens auf spezifische Weise unterschiedlich zu beeinflussen: Dem Kind wird entweder die Rolle als Bub/Mann oder die Rolle als Mädchen/Frau beigebracht. Kleidung, Spielzeug, Hobbys, Spezialisierung in der Schule, Berufswünsche, aber auch die Art der Gefühlsäußerungen (z.B. Aggression) usw. werden unter dem Aspekt von erwünschter Weiblichkeit und Männlichkeit bewertet, gefördert oder gehemmt. Darüber hinaus wird dem Kind auch vermittelt, wie es mit sexuellen Impulsen und den Geschlechtsorganen umzugehen hat.

Von Sexualerziehung spricht man, wenn Absicht und bewusste Zielrichtung deutlich erkennbar ist. In unserem Kulturkreis bestimmte eine christlich-konservative Sicht von Sexualität seit Jahrhunderten die Sexualerziehung, die bis heute Auswirkungen hat: Sexuelles Handeln wurde vorrangig im Kontext mit Fortpflanzung gesehen und bewertet. Nach dieser Sichtweise sollen Kinder und Jugendliche so beeinflusst werden, dass sie sexuelle Impulse, die die Möglichkeit der Fortpflanzung ausschließen, zu unterdrücken lernen. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer "repressiven" (=unterdrückenden) Sexualerziehung.

Seit dem Anfang des 20.Jhdts. entwickelte sich die Gegenposition der sogenannten "emanzipatorischen" Sexualerziehung, die die Diskussion vor allem seit den 60er Jahren maßgeblich beeinflusst. Danach ist Sexualität eine positive Kraft, die dem Menschen - unabhängig von der Möglichkeit zur Fortpflanzung - vor allem Lust spenden kann und soll. Die Unterdrückung sexueller Impulse und sexueller Lust wird als Mechanismus interpretiert, der Menschen systematisch an ihrem persönlichen Glück hindert. Als Teil sexueller Befreiung gilt auch das Zugeständnis, dass sexuelles Handeln ohne Liebesbeziehung und Partnerbindung zu akzeptieren ist. Als Extrempositionen sind beide Grundstörmungen kritisch zu bewerten. Die Kontroverse zwischen ihnen dauert an und wird mit unterschiedlicher Heftigkeit geführt.

Grundannahmen der Sexualpädagogik

Eine zeitgemäße Sexualerziehung wird von den ethischen Positionen der "Selbst-Bestimmung" und der "Achtung vor dem Leben" ausgehen.
Selbstbestimmung meint autonomes Handeln unter der Berücksichtigung des Umfeldes und des Eingebundenseins in Beziehungen zu anderen Menschen, die ebenfalls ein Recht auf Selbstbestimmung haben.

Achtung vor dem Leben meint in diesem Zusammenhang die ethische Forderung, eigenes und fremdes Leben "in Obhut zu nehmen", es also zu schützen, wenn es bedroht ist, aber auch Entwicklung und Entfaltung zu ermöglichen. Das betrifft biologische wie auch seelische, soziale und materielle Dimensionen des Lebens.

Sexualpädagogische Ziele für die Jungschargruppe

GruppenleiterInnen sollen selbst authentisch und verantwortungsbewusst mit Nähe, Zärtlichkeit und Körperkontakt umgehen können. Sie sollen Kindern Geborgenheit vermitteln können ohne diese dabei zu vereinnahmen, zu bedrängen oder gar für die Befriedigung eigener Liebensbedürfnisse zu missbrauchen.

GruppenleiterInnen sollen darauf achten, Sexualität nicht in einem einengenden Verständnis von Genitalität weiterzuvermitteln, sondern Kinder in ihrer Fähigkeit alle Sinne zu gebrauchen und einzusetzen, unterstützen und fördern: Im Fühlen, Tasten, Riechen, Schmecken, im An-Sehen und Zu-Hören, im Wünschen, Handeln und Denken.

GruppenleiterInnen sollen mit Kindern über Sexualität so reden können, dass sie dabei nicht nur biologisch-technische Begriffe verwenden und schwülstig-intime Zweideutigkeiten vermeiden.

GruppenleiterInnen sollen Kinder dazu anleiten, selbstbestimmt und wertorientiert über Sexualität nachzudenken und zu handeln.

GruppenleiterInnen sollen Kinder gut aufklären können. Dabei sollen sie Kinder vor Fehlinformationen schützen und von dem oft vorhandenem Gemisch aus Unwissenheit und schlechtem Gewissen befreien.

GruppenleiterInnen sollen mit den Kindern ein flexibles Rollenverhalten einüben, besonders in bezug auf Eigenschaften und Verhaltensweisen, die bislang als "typisch männlich" oder "typisch weiblich" bezeichnet wurden.

GruppenleiterInnen sollen untereinander einen Kontakt pflegen, der von einem Bemühen um echte Nähe und Distanz bestimmt ist.

Literatur:
SIELERT U., KEIL S. (1992): Sexualpädagogische Materialien, Weinheim-Basel.
DUNDE S.R. (1992): Handbuch Sexualität, Weinheim-Basel.

KJSÖ, im Jänner 1997