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Ganzheitlichkeit

Der Mensch ist ein Ganzes. Ok, das mag schon richtig sein, aber was bedeutet das eigentlich? Kein Mensch ist zu einem bestimmten Zeitpunkt nur und einzig und allein sein Körper, sondern immer auch seine Seele. Damit spielen die Gefühle wie auch die Gedanken gleichzeitig eine Rolle. Das soll in der Jungschar Platz finden.

1. Was ist gemeint?

Ganzheitlichkeit ist eine Grundannahme der Humanistischen Psychologie. Der Mensch wird als lebendiges System mit körperlicher, geistiger und seelischer Dimension gesehen, das in seinem Zusammenspiel eine Ganzheit bildet.

Neben seiner Individualität ist der Mensch immer auch ein Bezogener, er ist in ein soziales, ökologisches und ökonomisches Umfeld eingebunden. Dieses "Lebensganze" kann der Mensch gestalten, es wirkt aber zugleich gestaltend auf ihn zurück.

Von dieser Grundannahme ausgehend sind menschliches Leben und menschliche Entwicklung in all ihren Einzelaspekten nur in der Gesamtschau und als Zusammenwirken dieser verschiedenen Aspekte sinnvoll zu betrachten und zu verstehen. Es wird deutlich: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Ganzheitlichkeit im religiösen Verständnis.
Auch die christliche Religion ist bestrebt, den Menschen in der Schöpfung über die Grenzen des Todes hinaus bis hin zur Vereinigung mit dem Göttlichen als Ganzes zu verstehen, zu beschreiben und zu deuten. Die Bibel erzählt davon, daß die ganze göttliche Schöpfung (vgl. Gen 1,31) gut war; Jesus spricht vom Anbrechen des Reiches Gottes, das er als "Leben in Fülle" charakterisiert. Die christliche Auferstehungshoffnung trägt in sich die Überzeugung, daß alle real erfahrene Gebrochenheit und Zerrissenheit menschlichen Lebens geheilt wird.

Ganzheitlichkeit als (medizinische) Heilungsdimension.
In der neueren Entwicklung der Medizin finden sich ganzheitliche Denkansätze, die u.a. auf "altem Heilungswissen" der Menschen gründen. Damit gelingt es, ein mechanistisches und symptomfixiertes Therapiedenken aufzubrechen. So beschränken sich medizinische Diagnose und Therapie z.B. im Bereich der "Psychosomatik" nicht nur auf rein leibliche Aspekte, es werden die seelische, geistige und soziale Dimension zunehmend mitberücksichtigt.

Ganzheitlichkeit als Erziehungsprinzip.
In der Entwicklungsgeschichte der modernen Pädagogik finden wir ein erstes Verständnis vom Kind als einem "Ganzen" bei J.J.Rousseau. Pestalozzi (18.Jhdt.) postuliert eine ganzheitliche Pädagogik in dem Sinne, daß er von einem Zusammenwirken von "Hand, Herz und Hirn" spricht sowie zur Berücksichtigung des sozialen Umfeldes für die Erziehung auffordert.
In der Folge entwickeln die ReformpädagogInnen des 18. Und 19.Jhdts. eine "ganzheitliche Pädagogik", mit der sie vor allem auf eine vielfältige Förderung der (Schul-)Kinder abzielen und sich gegen die Auffächerung des Unterrichts in einzelne Fachdisziplinen wehren.

2. Aspekte:

Ganzheitlichkeit als gesellschaftliches Phänomen.
Das ausgehende 20.Jhdt. ist wie selten zuvor von einer gewissen "Ganzheits-Sehnsucht" bestimmt. Angesichts der Erfahrung menschlicher Zerbrechlichkeit sowie fortschreitender gesellschaftlicher Differenzierung und Unübersichtlichkeit wird Ganzheitlichkeit zunehmend als für den Menschen heilsame Gegenstrategie verkündet. "Ganzheitlichkeit" ist ein Schlüsselbegriff der Esoterik und des New Age. Aber auch verschiedene Bereiche der Alternativmedizin, der Gesundheitsvorsorge und der Freizeitindustrie vermitteln dem Menschen das Gefühl, in seiner Gesamtpersönlichkeit angesprochen zu werden.

Ganzheitlichkeit in den Lebensäußerungen der Kinder.
Kinder reagieren unmittelbarer und komplexer als Erwachsene auf das, was sie im Alltag erleben. Emotionale "Bewegung" schafft sich beim Kind direkten Ausdruck in körperlicher Bewegung. Mit einer lebendigen, konkreten Sprache können Kinder Reales wie Phantastisches ausdrücken. Lust und Schmerz, Freude und Trauer, ... liegen nahe beeinander. Die Befriedigung von Bedürfnissen ist unmittelbar nötig und oft auch noch möglich.

Das Abstraktionsvermögen im Denken lernen Kinder z.B. erst in der Phase des beginnenden Übergangs zum Jugendalter, was u.a. eine Voraussetzung für differenzierende Wahrnehmung und Beurteilung von Wirklichkeit ermöglicht.

3. Ganzheitlichkeit in der Jungschararbeit:

Ganzheitlichkeit ist eine Grundhaltung, keine Methode. Ganzheitliches Arbeiten wird dann mißverstanden, wenn es versucht, Kindern vielfältige Wahrnehmungs- und Betätigungs-möglichkeiten gleichzeitig anzubieten. Das trägt nur dazu bei, Kinder wie MitarbeiterInnen zu verwirren, sinnlich zu überfordern und damit eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Erlebten zu behindern.

3.1. Unter "ganzheitlichem" Arbeiten mit Kindern verstehen wir:

  • Kinder in ihrer Ganzheit von Leib, Geist, Seele und sozialer Bezogenheit wahrzunehmen, anzusprechen und anzuregen.
  • In der Gruppenarbeit unterschiedliche Materialien und spielerische Methoden als Anregung "für alle Sinne" einzusetzen.
  • Intellektuelle Auseinandersetzungen anhand kreativer Betätigungen zu führen, also mit den Kindern zu "tun", und beim Tun darüber zu "reden".
  • Beim Arbeiten mit den Kindern darauf gefaßt sein, daß religiöse Fragen aufbrechen können, und sich diesen nicht zu verschließen.

3.2. Unter "ganzheitlicher" Bildungs- und Beratungsarbeit für MitarbeiterInnen verstehen wir:

  • GruppenleiterInnen neben Orten des Lernens und der Auseinandersetzung auch Gelegenheiten zur Begegnung untereinander und des gemeinsamen Feierns anzubieten.
  • Die Vielfalt von Methoden in der Bildungsarbeit für unterschiedliche Arten des Lernens und Lehrens zu nützen.
  • Bei Seminaren und Schulungen darauf zu achten, daß neben fachlichem Diskurs ausreichend Zeit für Selbsterfahrung und Persönlichkeitsbildung eingeplant wird.
  • Bildungsveranstaltungen so zu planen, daß konkretes Erleben (praktische Übungen) mit theoretischer Reflexion gut aufeinander abgestimmt sind.

3.3. Unter "ganzheitlichem" Arbeiten im Alltag der Kath. Jungschar als Organisation verstehen wir:

  • Die Lebenswirklichkeit von Kindern in all ihren Facetten beständig zu beobachten, zu deuten und daraus das gemeinsame Handeln abzuleiten.
  • Gerade für jene Kinder, die am gesellschaftlichen Rand stehen oder dorthin gedrängt werden Partei zu ergreifen und für sie ein "Leben in Fülle" einzumahnen.
  • Kinder und MitarbeiterInnen darin zu ermutigen, ihre Kreativität und Phantasie zur Überwindung von Begrenzungen des Alltags einzusetzen.
  • Als Organisation innerhalb einer pluralisierten Gesellschaft die Chancen vielfältiger Lebensformen zu sehen und zu nützen.

Dieser Text wurde vom Arbeitskreis für Kinderpastoral- und Pädagogik der KJSÖ erarbeitet und verabschiedet, im Oktober 1998.