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Bedürfnisse

Bedürfnisse sind innere zielgerichtete Regungen, die jedem Menschen von seinem Sein her zu eigen sind. Bedürfnisse sind darauf ausgerichtet befriedigt zu werden, um überleben zu können und um in der eigenen Entwicklung zu wachsen. Die Bedürfnisse von Menschen zu ignorieren hieße, sie als Menschen nicht ernst zu nehmen.


Nicht nur im Fachgespräch, auch in unserer Alltagssprache reden wir oft von Bedürfnissen. "Ich habe das Bedürfnis, dir etwas zu sagen" oder "Nimm doch auch auf meine Bedürfnisse etwas Rücksicht", das sind Formulierungen, die, wenn schon nicht ausgesprochen, dann doch oft gedacht werden.

In der Jungschar wollen wir die Bedürfnisse von Kindern ernst nehmen und darauf eingehen. Für uns stehen dabei die Grundbedürfnisse des Kindes im Vordergrund. Ein Grundprinzip der Jungschararbeit ist es, mit Kindern nichts zu tun, was der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse grundsätzlich entgegensteht. Es gibt sehr viele unterschiedliche Arten von Bedürfnissen, die im Wesentlichen in zwei große Gruppen eingeteilt werden können: in die körperlichen Bedürfnisse (etwa nach Nahrung oder nach Schlaf) und in die seelischen Bedürfnisse. Für den pädagogischen Alltag in der Jungschar ist vor allem die Auseinandersetzung mit den seelischen Bedürfnissen wichtig. Die vielen verschiedenen Bedürfnisse, die in diesem Zusammenhang im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse aufgezählt werden, lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

1. Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit

Darin kommt die große Bedeutung einer stabilen, dauerhaften, zuverlässigen und liebevollen Beziehung zu den Eltern, später auch zu anderen Bezugspersonen zum Ausdruck (Beziehung, GruppenleiterIn). Das Gefühl der Sicherheit ist zentral für die gedeihliche Entwicklung eines Kindes.

2. Bedürfnis nach neuen Erfahrungen

Jedes Kind ist bestrebt, sein Repertoire an Erfahrungen, Wissen, Ideen, Gefühlen, Bildern, Wünschen, Einsichten und Konflikten ständig zu erweitern. Kinder sind neugierig und erobern den Raum um sich herum, und das brauchen sie, um sich entwickeln zu können.

3. Bedürfnis nach Lob und Anerkennung

Wie wir Menschen uns selbst sehen hängt auch maßgeblich davon ab, wie uns andere sehen. In unserer Entwicklung sind wir darauf angewiesen, von anderen Rückmeldungen - etwa auf unser Verhalten - zu bekommen. Die positiven Rückmeldungen stärken unser Vertrauen in uns und unsere Fähigkeiten und sind damit ein Antrieb für unsere weitere Entwicklung. Daher ist es auch naheliegend, dass Kinder kein Bedürfnis nach Strafe und Tadel haben.

4. Bedürfnis nach Verantwortung und Selbständigkeit

Kinder haben ein Bedürfnis danach, immer eigenständiger zu werden und möglichst viel selbst zu machen. Sie übernehmen gerne Verantwortung für etwas, wenn es sich dabei nicht um Tätigkeiten handelt, die den anderen Grundbedürfnissen zuwiderlaufen. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit mehr Selbstbewusstsein weniger dazu neigen, aggressiv zu werden und sich vor anderen "aufzuspielen" als Kinder, denen wenig Möglichkeiten zur Entfaltung eines soliden Selbstbewusstseins gegeben werden.

5. Bedürfnis nach Übersicht und Zusammenhang

Kinder wollen sich die Zusammenhänge des Lebens, der Welt erklären und das Verhalten anderer Menschen durchschauen können. Sie wollen sich orientieren können, um in der Beziehung zu ihrer Mitwelt ihre eigene Identität entwickeln zu können.

Weiters ist anzunehmen, dass Kinder ein Bedürfnis nach positiven Identifikationsmöglichkeiten haben, dass sie Personen vorfinden wollen, an denen sie sich - zur Stärkung und Weiterentwicklung der eigenen Identität - orientieren können, von denen sie sich aber auch ganz bewusst absetzen können, wenn sie mit Haltungen oder Handlungen nicht einverstanden sind. Dieses Absetzen darf nicht von Sanktionen begleitet werden, weil dies eine positive Identifizierung in der Folge erschweren würde. Nahe Bezugspersonen eines Kindes sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie so sind, dass sich das Kind mit (Teilen von) ihnen identifiziert, ein bißchen so sein will, wie diese Person. Jungschar-GruppenleiterInnen (GruppenleiterIn) können auch wichtige Identifikationspersonen für die Kinder ihrer Gruppe werden. Darum ist es so wichtig, nicht abgehoben, fern von den Kindern und über ihnen zu stehen, sondern als "eine/r von ihnen" in der Gruppe integriert zu sein.

Liebe und Geborgenheit, Lob und Anerkennung und der Wunsch nach Übersicht und Zusammenhang auf der einen Seite, das Streben nach neuen Erfahrungen, nach Verantwortung und Selbständigkeit und die Suche nach Identifikationsmöglichkeiten auf der anderen Seite drücken das Spannungsfeld aus, in dem sich menschliches Leben vollzieht: zwischen dem Wunsch nach Sicherheit, Schutz und das auf sich bezogene Sein und dem Streben nach Neuem, Herausforderndem und nach offensiver Entwicklung.


Literatur:
Kellmer-Pringle, Mia: Was Kinder brauchen. Klett-Cotta, 1979.
Baacke, Dieter: Die 6-12-jährigen. Beltz-Verlag, 1992.

Dieser Text wurde vom Arbeitskreis für Kinderpastoral- und Pädagogik der KJSÖ erarbeitet und verabschiedet, im März 1994.