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Das große Buch für kleine Menschen?

Überlegungen zu biblischen Erzählungen für Kinder

Von Inge Cevela und Kathrin Wexberg

Schwindelerregend und letztlich unüberschaubar ist die Zahl der Bibelausgaben für Kinder auf dem Buchmarkt. Bunt, bunter, am buntesten präsentieren sie sich mehr marktschreierisch als wirklich kindgerecht. Und bringen in Glaubensdingen womöglich ohnehin verunsicherte, kaufwillig ratsuchende Erwachsene an den Rand der Verzweiflung.

Zugegeben: Wer sich dieser schrill bunten Flut gegenüber sieht, mag die Überzeugung gewinnen, dass Bearbeitungen des "Großen Buches" generell zu Verfälschungen, Einseitigkeiten, kaum zu korrigierenden Vorstellungen führen.
Und doch werden Kindern biblische Geschichten erzählt und sind Erwachsene darum bemüht, biblische Texte für Kinder zu bearbeiten. Wo die Chancen und Probleme solcher Bearbeitungen liegen, soll im Folgenden gezeigt werden.

Gleichermaßen ist uns bewusst, dass "die Bibel" ja nicht bloß ein einzelnes Buch mit Glaubensaussagen ist, sondern vielmehr "eine ganze Bibliothek" (Anneli Baum-Resch). Dass die Texte sich verschiedenster literarischer Formen bedienen und wir manche Texte als widersprüchlich erleben. Dass auch viele Erwachsene Schwierigkeiten haben mit "der Bibel" und ihrer Auslegung für ihren Glauben und ihr Leben. Wenn sie sich also "für ihre Kinder" auf die Suche nach geeigneten Bibelausgaben machen, steht dahinter häufig auch der - vielleicht letzte - Versuch, sich - gemeinsam mit den Kindern - einer unverständlich gewordenen Botschaft noch einmal zu nähern, sich der Mühe einer Suche nach Antworten noch einmal auszusetzen.

Kriterien: Was macht eine "gute" Kinderbibel aus?

"Geschmäcker sind verschieden" und unterschiedlichen Menschen kommt zu verschiedenen Zeitpunkten etwas Anderes gerade Recht. Das gilt selbstverständlich auch und gerade für Kinder: Ihre Entwicklungsphasen, ihre Lesereife, ihre Welterfahrungen ergeben in Summe unterschiedliche Bedürfnisse. Das gilt auch für die Auswahl an Geschichten, an Literatur, die ihnen vermittelt wird. Ob Kinderbücher ihrem Bedürfnis nach heiler Welt und Kitsch oder nach Aufarbeitung komplexer Themen und Lebensproblemen künstlerisch anspruchsvoll nachkommen, ist immer auch eine Frage des richtigen Zeitpunktes und des breiten Angebotes, aus dem gewählt werden kann. Bestimmte Qualitätskriterien können aber doch übergreifend festgemacht werden. Das gilt auch für Ausgaben von Bibeln für Kinder (vgl. Anneli Baum-Resch):

1) Eine Kinderbibel ist dann "gut", wenn sie den biblischen Text ernst nimmt, seine Botschaft unverzweckt und verantwortlich "zum Sprechen bringt";
2) ..., wenn sie das lesende Kind respektiert, seine (vermutete) Lebenssituation im Blick hat, sich darauf einstellt und es nicht verdeckt erziehen will.

Und Reinmar Tschirch meint, eine gute Kinderbibel sei vor allem eine, die einen Grundstein legt und Lust macht, sich ein Leben lang mit diesem Buch zu befassen.

Was so einfach klingt, scheitert in der Umsetzung dieser Bemühung leicht: Wie eine "alte Weisheit" der Kinderliteratur besagt, ist das Einfache das Schwierigste. (Die große österreichische Kinderliteratin Mira Lobe zürnte pointiert über jene, die meinten, bloß weil sie es verstünden, sei es auch leicht zu tun!)

Johanna Klink verweist in ihrer Antwort zur Frage, ob das große Buch geeignet sei für kleine Menschen (Patmos 1978) auf die Problematik, dass Kindern ab etwa dem vierten Lebensjahr die bekanntesten Bibelgeschichten ebenso wie auch andere Geschichten und Märchen - in zahllosen Wiederholungen erzählt und vorgelesen werden. Dabei bleiben die biblischen Geschichten meist so wie auch die anderen für sich; d. h. sie werden also nicht eingebettet in den größeren Zusammenhang dieser besonderen biblischen Geschichte, die die Geschichte Gottes und seines auserwählten Volkes Israel über Jahrhunderte hinweg niederschreibt, und die Geschichte Gottes und seines Sohnes Jesus mit den Menschen. Mit dieser duchgängig gemachten, chronologisierten und gestrafften Erzählweise wird in Kindern die Erwartungshaltung geweckt, dass hier ein Text ohne Widersprüche, ein geschlossenes Kompendium mit dem klassisch dramatischen Aufbau von Anfang-Höhepunkt-Schluss vorläge. Und schon nimmt das Missverstehen seinen Lauf. Das Wissen um die tiefere Bedeutung von Geschichten im spezifischen Lebenszusammenhang und ihr "Sitz im Leben" geht leicht verloren.

Die häufigsten Fehler, die ungenutzten Chancen

Gerne wurden für die traditionellen Kinderbibeln Geschichten ausgewählt, in denen Kinder vorkommen (die Segnung der Kinder durch Jesus; aber auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der nicht als erwachsener junger Mann sondern häufig als Bub dargestellt wird!). Das Vorkommen von Kindern ist immerhin mittlerweile als Kriterium für "Kindgemäßheit" verschwunden, während nach wie vor gerne Texte aufgenommen werden, in denen Tiere eine Rolle spielen.

So gehört die Arche des Noah zu den beliebtesten "Spielwiesen" der GestalterInnen und HerausgeberInnen von biblischen Erzählungen für Kinder - trotz der weitgehenden Vernichtung allen Lebens auf der Erde. Oder auch die verlockende Idee vom "Wal" als altertümliches Transportmittel für den ungehorsamen Jona findet sich erstaunlich weit verbreitet. Ebenso der gern als Beispielgeschichte inszenierte Thrill von Daniel in der Löwengrube: Wer Gott nur nah genug ist, den töten die wilden Tiere nicht. Die konsequent logischen Kinderfragen zielen geradewegs auf die "Über-Setzbarkeit" solcher Texte in die gegenwärtige kindliche Lebensrealität: Darf ich die Löwen im Zoo auch streicheln? Sorgt Gott auch im Straßenverkehr dafür, dass mir nichts passiert?

Unabdingbar für das Erfassen solcher Geschichten ist die Klarlegung, dass es sich um Symbolgeschichten und NICHT um wörtlich zu nehmende Beispielgeschichten handelt! Aber ebenso fatal für die Botschaft der Geschichte von Daniel ist das andere Extrem: Wenn in - Kindern angeblich entsprechenden - Kinderbibeln die Löwen als herzige Kuscheltiere dargestellt sind, geht die im Text beschriebene existentielle Bedrohung verloren, wird eine entscheidende Sinnebene der Kindgemäßheit "geopfert", die Botschaft zerstört.

Auch wie sehr der Breite und Unterschiedlichkeit von biblischen Texten in der Auswahl entsprochen wird, ist ein Signal, wie die schon erwähnte "Botschaft in der formalen Gestaltung" umgesetzt wird. Wo nicht nur Gleichnisse und erzählende Texte, sondern auch andere literarische Formen wie Psalmen oder Gebete vorkommen, können Kinder ein Stück mehr von der Vielschichtigkeit dieses Buches erahnen.

Die Bildlichkeit der Sprache, die "alten" Wörter, die heute anders verstanden werden, sind eine weitere Hürde. Als Beispiel die Überschrift "Und Jesus stillte den Sturm" - heutige Kinder (vor allem mit jüngeren Geschwistern) werden zum "Stillen" ein ganz spezifisches Bild haben, das in der Bedeutungstiefe des Wunders zu mehr als unfreiwilliger Komik Anlass gibt...

Für Kinder heute nicht mehr verständliche Begriffe behutsam anzugleichen oder zu erklären, ist sinnvoll und legitim - wenn jedoch die Brotvermehrung als "Das erstaunliche Picknick" und die Salbung in Bethanien als "Eine Party für Jesus" bezeichnet wird, schießt die Bearbeitung wohl weit übers Ziel hinaus.

Die Aktualisierung der biblischen Texte, ihre Einbettung in das Leben der Kinder heute, gelingt in den seltensten Fällen und bleibt oft auf einer oberflächlichen und unpassenden Ebene - etwa wenn die Texte durch einen Rahmen mit Blümchen, Bärchen und Spielzeugautos "dekoriert" werden, oder Maria, als der Engel Gabriel zu ihr kommt, gerade am "Putzen und Zusammenräumen" ist. Hier passiert nicht Aktualisierung, sondern eigentlich Anbiederung an den vermeintlichen Geschmack der Kinder. Gelungene und künstlerisch anspruchsvolle Illustrationen hingegen bilden den Text nicht einfach ab, sondern ergänzen und interpretieren ihn, eröffnen neue und vielschichtige Sinnebenen, die sich oft erst nach mehrmaligem Anschauen oder mit historischem Hintergrund erschließen.

So illustriert etwa Annegert Fuchshuber die Seligpreisungen mit Bildern von Menschen, die versucht haben, nach dieser Botschaft zu leben, wie Sophie Scholl oder Mutter Theresa - eine Lesart, die zwar für kindliche LeserInnen nicht zwangsläufig entschlüsselbar ist, aber dem Text mehr gerecht wird als eine konventionelle Illustration von Jesus auf dem Berg.

Die Frage, ob die Bibel letztlich überhaupt als "Kinderbuch" bearbeitet werden kann, gewinnt - wie eingangs angesprochen - doppelte Brisanz als Zugangsmöglichkeit für Kinder und ihre begleitenden Erwachsenen. Fest steht: Die Bibel ist in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität - nicht nur (!) - für Kinder extrem schwer fassbar; dennoch ist es ein berechtigtes Anliegen, Kindern biblische Geschichten zu erzählen. Das kann nicht durch Bücher allein geschehen - die Dimension dieser Texte erfassen kann nur, wer abseits der Lektüreerfahrungen religiöse Erfahrungen, in welchem Sinn auch immer, gemacht, ein Gespür dafür entwickelt hat, was Wunder sind, was Vertrauen ist, was bedingungslose und unwiderrufbare Liebe bedeutet.

So könnte das "Jahr der Bibel" ein Anlass sein, um unter anderem der Bedeutung und Tragweite der Qualität von "Kinderbibeln" mehr Raum zu geben: Weil sie für die religiöse Entwicklung von Kindern ein wichtiges Element sein können. Und weil sie eine Art "zweiter Chance" sind für Erwachsene, die sich beim Vorlesen und fürs Nachfragen Kindern stellen wollen; und in manchen Fällen vielleicht mit ihnen gemeinsam die Suche nach einem vermeintlich verlorenen Glauben noch einmal aufnehmen.


Inge Cevela ist die Leiterin der StuBe - Studien- & Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur der Erzdiözese Wien. Mehr Info: www.stube.at

Kathrin Wexberg ist freie Mitarbeiterin der StuBe und außerdem Erste Vorsitzende der Katholischen Jungschar der Erzdiözese Wien.

Der Text ist bereits im Jahrbuch 2003 der Erzdiözese Wien erschienen, das den Schwerpunkt "Jahr der Bibel" hat.