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Kinder mit Behinderung

Im folgenden ein Auszug aus dem "Bericht zu Lager der Kinder 2000" der Katholischen Jungschar zum Thema "Freizeit mit Hindernissen - Freizeitsituation von Kindern mit Behinderung".

Zunächst eine Zusmmenfassung des Studienergebnisses, im Anschluss Forderungen der Katholischen Jungschar. Die Studie ist im Jungscharshop erhältlich.

Über die Studie

Der Bericht zur Lage der Kinder 2000 befasst sich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven mit der Frage, was Kinder mit Behinderung in ihrer Freizeit tun. Im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Studie wurden in Form teilnehmender Beobachtung einerseits sieben Kinder mit geistiger Behinderung in unterschiedlichen Freizeitsituationen begleitet, um aus der Sicht der Kinder selbst zu erfassen, womit sie ihre freie Zeit verbringen bzw. verbringen möchten. Ihre Mütter gaben dazu ergänzend Auskunft. Andererseits, und dies war gerade für die Katholische Jungschar Österreichs als Auftraggeberin eine zentrale Fragestellung, interessierte, welche Position Anbieterorganisationen von Freizeitaktivitäten für Kinder in Bezug auf die Teilnahme von Kindern mit Behinderung einnehmen. In leitfadenorientierten Interviews gaben daher RepräsentantInnen verschiedener Organisationen bzw. Unternehmen Auskunft, die Gespräche wurden auf Band mitgeschnitten.
Dieses Studiendesign war von der Autorin gemeinsam und in Absprache mit einem Redaktionsteam entworfen worden, in dem RepräsentantInnen jener Zielgruppen vertreten waren, die von der konkreten Fragestellung direkt betroffen sind: VertreterInnen von Freizeitorganisationen für Kinder, die Mutter eines Jugendlichen mit Behinderung sowie zwei Erwachsene mit geistiger Behinderung als RepräsentantInnen der Kinder, die sie einmal waren. So wurde versucht, im Sinne eines partizipativen Forschungsansatzes jene Personen, um die es konkret ging, direkt und aktiv in den Forschungsprozess einzubeziehen. Nicht zuletzt verfolgten diesen Anspruch auch die speziell ausgewählten Methoden der Datenerhebung, die teilnehmende Beobachtung der Kinder mit Behinderung ebenso wie die Interviews mit den ExpertInnen.
Im Anschluss an jede teilnehmende Beobachtung verfasste die Autorin Gedächtnisprotokolle, die Gespräche mit den ExpertInnen wurden wörtlich transkribiert. Es entstanden Texte, die als Datenbasis herangezogen und qualitativ interpretiert werden konnten. Die Interpretationen erfolgten sowohl im Redaktionsteam als auch durch die Autorin unter Einbeziehung relevanter Fachliteratur.

Zentrale Ergebnisse im Überblick

Beim oberflächlichen Vergleich der Beobachtungsprotokolle mit den Interviews fiel eine Diskrepanz deutlich auf: im Gegensatz zu den beschriebenen Erlebnissen mit den Kindern mit Behinderung, die grundsätzlich von Begeisterung, Spaß und Aktivität dominiert waren, wirkten die Aussagen der ExpertInnen deutlich mehr an Problemen orientiert. Im Detail zeigte sich Folgendes:
Die teilnehmenden Beobachtungen in Freizeitsituationen von Kindern mit geistiger Behinderung machten deutlich, dass sich Kinder mit Behinderung in ihren Aktivitäten, Vorlieben, Interessen und Wünschen nicht von Kindern ohne Behinderung unterscheiden. Der Vergleich mit empirischen Ergebnissen aus der Freizeitforschung von Kindern ohne Behinderung zeigte, dass sich Kinder mit Behinderung ebenso gerne draußen aufhalten und bewegen, Fahrrad fahren, Ball spielen und schwimmen gehen wie gleichaltrige Kinder ohne Behinderung. Dasselbe gilt für Spielsachen und Medien: Kinder mit Behinderung beschäftigen sich mit vielfältigen Spielsachen und -materialien, spielen alleine, mit anderen Kindern oder ihren Eltern, nützen kreativ auch Dinge, die nicht vordergründig als Spielmaterial gedacht sind. Ebenso selbstverständlich ist ihr Umgang mit Medien: Kassettenrekorder, Personal Computer oder CD-Playstation aber auch Bücher gehören für viele Kinder mit Behinderung zum selbstverständlichen Bestandteil ihres Alltags. Auch dass sie bei all diesen Aktivitäten von jenen Rahmenbedingungen abhängig sind, die ihnen ihre Eltern bieten, unterscheidet sie nicht von Gleichaltrigen ohne Behinderung, denn großangelegte Untersuchungen zeigen deutlich, wie stark Formen der Freizeitbeschäftigung von Kindern abhängig sind vom Bildungsniveau, vom Einkommen und vom Lebensstil der Eltern.
Dennoch zeigten sich anhand der exemplarischen Schilderung einige deutliche Unterschiede zwischen Kindern mit und Kindern ohne Behinderung. Das freie Zeitbudget von Kindern mit Behinderung ist häufig durch äußere Strukturen wie ganztägiger Sonderschulbesuch und den damit verbundenen Zeitaufwand für Transporte mit Sonderfahrtendiensten stark eingeschränkt. Unter dem Schuljahr bleibt ihnen oft keine Zeit mehr, an außerschulischen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Dasselbe gilt für Therapien, die zur Alltagsroutine von Kindern mit Behinderung gehören. Darüber hinaus gilt für Kinder mit Behinderung verstärkt, was für Kinder ohne Behinderung zutrifft: sie sind vom Engagement und der Unterstützungsbereitschaft ihrer Eltern besonders abhängig. Aufgrund ihrer Behinderung benötigen viele Kinder z.B. Begleitung im Straßenverkehr und gezielte Unterstützung bei der Durchführung konkreter Aktivitäten. Da es keine familienunterstützenden Dienste gibt, die solch eine Begleitung bereitstellen, sind die Kinder in den meisten Fällen auf ihre Eltern angewiesen. Vom Engagement ihrer Eltern hängt es daher auch ab, ob Kinder mit Behinderung an institutionellen Freizeitangeboten wie z.B. der Jungschar teilnehmen.
Die Kehrseite dieses Phänomens findet sich bei der Befragung der ExpertInnen von Anbieterorganisationen: obwohl alle betonen, dass ihre vielfältigen Angebote grundsätzlich für alle Kinder offen sind und niemand ausgeschlossen wird, sind sie sich darin einig, dass Kinder mit Behinderung nur sehr selten an allgemeinen Angeboten teilnehmen. Gleichzeitig verbinden sie mit der Teilnahme von Kindern mit Behinderung häufig Probleme: die Überforderung von MitarbeiterInnen wird befürchtet, fehlende Qualifikation für den Umgang mit Kindern mit Behinderung bemängelt und bauliche Barrieren in vielen Gruppenräumen oder Veranstaltungsorten kritisiert. Angst und Unsicherheit in der Begegnung mit Menschen mit Behinderung schwingen in den Gesprächen häufig mit. Dennoch schildern viele der interviewten ExpertInnen einzelne persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, in denen die Teilnahme von Kindern mit Behinderung gut geklappt hat.
Eines zeigt sich hier deutlich: die Integration von Kindern mit Behinderung ist die Privatangelegenheit Einzelner, von Müttern und Vätern ebenso wie von einzelnen engagierten GruppenleiterInnen oder AnimateurInnen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie für ihr Anliegen, also die gleichberechtigte Teilhabe eines Kindes mit Behinderung an allgemeinen Freizeitangeboten, keine Unterstützung finden. Weder erhalten Eltern Hilfe durch familienentlastende Dienste noch erhalten GruppenleiterInnen oder BetreuerInnen gezielte Unterstützung von ihren Organisationen.

Integration als Weg und Ziel

Sowohl anhand der konkreten Beobachtungen der Kinder mit Behinderung in integrativen Freizeitsituationen als auch anhand der Schilderungen gelungener Integration durch die ExpertInnen werden allgemeine Prinzipien einer integrativen Freizeitpädagogik sehr detailliert veranschaulicht.
Zentrales Prinzip eines integrativen Ansatzes ist es, allgemeine Freizeitangebote, die Kindern ohne Behinderung offen stehen, auch für Kinder mit Behinderung zugänglich zu machen. Dabei muss auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung, die individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können, eingegangen werden. Eine integrative Pädagogik macht es möglich, dass auch Kinder mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen Freizeit gemeinsam und in all ihrer Vielfalt erleben können. Toleranz und Akzeptanz drücken sich nicht zuletzt in einer alltäglichen integrativen Praxis aus.
Für GruppenleiterInnen und BetreuerInnen bedeutet Integration von Kindern mit Behinderung im Freizeitbereich die persönliche Auseinandersetzung mit eigenen Grenzen, Ängsten und Befürchtungen. Sie benötigen neben gezielten Informationen einen unterstützenden Rahmen, der diese persönliche Auseinandersetzung zulässt und trägt. Organisationen sind aufgerufen, für diese Voraussetzung Sorge zu tragen und im Sinne ihrer allgemeinen pädagogischen Leitlinien Integration als unteilbares Prinzip anzunehmen.
Für die Eltern von Kindern mit Behinderung ist es schließlich erforderlich, dass sie im Rahmen familienentlastender Dienste Unterstützung dafür erhalten, dass ihre Kinder Freizeitangebote in Anspruch nehmen können. Dass Kinder mit Behinderung selbstverständlich und gleichberechtigt an Freizeitaktivitäten teilnehmen, ist schließlich ein weiterer Schritt dahin, dass aus den Kindern später selbstbewusste und aktive Bürger und Bürgerinnen mit Behinderung werden.


Forderungen der Katholischen Jungschar Österreichs
Beschlossen bei der Bundesleitung der KJSÖ
am 16. April 2000.

Menschen mit Behinderung sind gleichwertig

Die Katholische Jungschar fordert, dass Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen den gleichen Zugang wie Menschen ohne Behinderung haben sollen. Dazu müssen von den politisch Verantwortlichen - insbesonders im Freizeitbereich - die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen und die finanziellen Mittel bereitgestellt werden.

Menschen mit Behinderung brauchen Öffentlichkeit

Um das Bewußtsein für Menschen mit Behinderung in Österreich zu stärken, ist es notwendig, diese in allen Medien besonders in den Vordergrund zu stellen. Dazu gehört z.B. dass Fotos von Menschen mit Behinderung vermehrt in der allgemeinen Berichterstattung eingesetzt werden, aber auch dass z.B. Para- Olympics im Fernsehen die gleiche Sendezeit erhalten wie die herkömmlichen Olympischen Spiele.

Menschen mit Behinderung haben Freizeit

Die Freizeitbedürfnisse von Kindern mit Behinderung decken sich in vielen Bereichen mit denen von Menschen ohne Behinderung (Internet, Sport, Spiel, Disco, Ausgehen,...). Um ihre Freizeit gleichwertig mit Menschen ohne Behinderung verbringen zu können, ist es notwendig, integrative Modelle, welche die Einbindung dieser Menschen unterstützen, zu entwickeln und zu fördern.

Menschen mit Behinderung fordern uns

Die Katholische Jungschar setzt sich zum Ziel, Menschen und insbesonders Kinder mit Behinderung bewußt wahrzunehmen und anzusprechen. Das heißt unter anderem, betroffene Kindern und deren Eltern anzusprechen und aufzufordern an Aktivitäten in den Pfarrgemeinden teilzunehmen.

Menschen mit Behinderung gestalten Kirche mit

Kirchliche Organisationen und Gemeinden sollen im Umgang mit Menschen mit Behinderung eine Vorreiterrolle übernehmen. Dies soll besonders durch kontinuierliche Berichterstattung bzw. offensive Einbindung von Menschen mit Behinderung in kirchliche Aufgaben (LektorInnen, MinistrantInnen,...) und Veranstaltungen geschehen.

Menschen mit Behinderung brauchen kein Mitleid

Menschen mit Behinderung brauchen Menschen ohne Behinderung, die ihnen offen und ohne Vorurteile gegenüber stehen. Dazu ist es notwendig, dass jede/r einzelne immer wieder seine/ihre Gefühle gegenüber Menschen mit Behinderung reflektiert. Nur so kann Angst, Verunsicherung und Abwehr in Offenheit, Mut und Akzeptanz verwandelt werden. Dies soll auch in pädagogischen Ausbildungen verpflichtend berücksichtigt werden.

Die Katholische Jungschar Österreichs bekräftigt den im Behindertenkonzept der Österreichischen Bundesregierung formulierten Grundsatz, dass Menschen mit Behinderung bei der Gestaltung ihrer Freizeit die gleichen Möglichkeiten wie Menschen ohne Behinderung haben sollen. Im Speziellen bekennt sich die KJSÖ zur sozialen Integration von Kindern mit allen Formen von Behinderung, wissend, daß auch innerhalb der Jungschar an diesem Selbstverständnis noch gearbeitet werden muß. Umfassende soziale Integration ist in der Praxis v.a. auch im Freizeitbereich noch von vielen Hindernissen geprägt, obwohl Beispiele zeigen, dass sich durch gelungene Integration bei Freizeitaktivitäten deren Qualität für alle Kinder verbessert. Die konkrete Umsetzung hängt derzeit vom Engagement Einzelner, v.a. der Eltern von Kindern mit Behinderung ab. Dies leistet einer Tendenz zur Privatisierung und Entpolitisierung Vorschub. Behinderung ist aber nicht als Privatangelegenheit sondern als gesellschaftspolitischer Auftrag zu verstehen, der auch im Freizeitbereich zum Tragen kommen muss. Dafür bedarf es jedoch entsprechender Rahmenbedingungen, die von Verantwortlichen auf unterschiedlichsten Ebenen geschaffen werden müssen.