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Religiöse Entwicklung und Erziehung

"Man muß das eine tun, ohne das andere zu lassen."

In der Jungschar kannst du Kinder religiös erziehen. Religiöse Erziehung geschieht und vollzieht sich in und als Beziehung. Religiöse Erziehung kann und sollte niemals ein abgehobener, eigener Lebensbereich neben oder abseits des "normalen", alltäglichen Lebens sein, wo plötzlich alles Vertraute und Bekannte außer Kraft gesetzt ist. Und vergiß nicht - religiöse Erziehung betrifft nicht nur die Kinder.

Vielleicht ist in deiner Pfarre schon öfter die Erwartung oder der Wunsch von Eltern oder vom Herrn Pfarrer an dich herangetragen worden, du mögest die Kinder in deiner Jungscharstunde doch bitte auch "religiös erziehen". Oder du selbst hast dir gedacht: "Eigentlich sollte ich mit den Kindern irgend etwas Religiöses machen. Schließlich bin ich bei der katholischen Jungschar ..."

Oft fallen einem dann alle möglichen "Beschäftigungen" ein, die man mit den Kindern "machen" kann: Meditationen, Gebete, Bibelgruppenstunden - Unternehmungen, die dann meistens mit mehr oder weniger "Erfolg" bei den Kindern gekrönt sind. Und dann ist das Pensum wieder für einige Zeit erfüllt.

Kinder und GL   e n t w i c k e l n   sich religiös

Freilich, alle diese Formen, Religiosität auszudrücken, sind wichtig und gut. Dennoch - ist das nicht trotzdem ein sehr enges Verständnis von dem, was religiöse Erziehung in der Jungscharstunde sein kann?

Deshalb möchte ich dir im folgenden ein paar Gedankenanstöße geben, was religiöse Erziehung in der Jungschar bedeuten kann. Dabei solltest du bedenken, daß du hier außerschulische Kinderarbeit machst. Die Jungscharstunde ist also weder Ersatz noch verlängerter Arm des Religionsunterrichtes (oder auch des Elternhauses).

Deshalb ist religiöse Erziehung in der Jungscharstunde viel eher eine Chance als eine Pflicht. In der Jungscharstunde kannst du religiös erziehen. Und das in einem so umfassenden Sinn, daß ich persönlich eigentlich lieber davon spreche, daß Kinder und Gruppenleiter/innen sich im Lebensraum Jungschar entwickeln können. In der Jungscharstunde ist der ganze Mensch gefragt, das Kind mit allem, was es mitbringt und ist - an Wünschen, Freuden, Sorgen, Problemen, Sehnsüchten, Hoffnungen, Fragen, mit seiner ganzen Geschichte und Beziehungsfähigkeit - und mit seiner "Religiosität". All das hat in der Jungscharstunde seinen Platz.

Innerhalb einer Pfarre kann das Kind konkret Gemeinschaft erleben, wenn all das ernstgenommen und angenommen wird. Und das i s t bereits wesentlich religiöse Entwicklung: miteinander in einer Gruppe leben, spielen, lachen, über Gott, die Menschen und die Welt zu reden und mit ihnen leben. Im übrigen ist das für alle Menschen wichtig - religiöse Entwicklung betrifft nicht nur die Kinder. Auch die, die religiös erziehen, sollten nicht darauf vergessen, sich religiös weiterzuentwickeln. Religiöse Erziehung ist niemals ein Lehrer - Schülerverhältnis, wo der eine dem anderen etwas beibringt. Vielmehr sind alle miteinander unterwegs - auf der Suche nach Gott. Und die ältere Person darf der jüngeren von ihrer Erfahrung und ihrem Weg erzählen.

Das Religiöse im Menschen christlich fördern

Es gibt für die konkrete Praxis 2 unterschiedliche Formen, Menschen bei der Entwicklung ihrer Religiosität zu begleiten. Beide hängen im Grunde natürlich eng zusammen und bauen aufeinander auf. Nennen wir die eine Form "religiöse Erziehung", die andere Form "christliche Erziehung". Beide überschneiden sich und sind auch nicht immer so scharf voneinander zu trennen, wie ich das im folgenden versuche.

Ich gehe davon aus, daß jeder Mensch religiös ist. Das heißt: immer wieder kommt er/sie in seinem/ihrem Leben zu Punkten, wo er/sie sich fragt:

  • Woher komme ich?
  • Wohin gehe ich?
  • Wer bin ich?
  • Warum ist etwas und nicht nichts?
  • Was ist der Sinn des Lebens?

Jeder Mensch, und so auch Kinder, versuchen ein Leben lang, Antworten auf diese Fragen zu finden und das eigene Leben in einen größeren Zusammenhang zu stellen - und sei es der, das "alles sinnlos" ist. Jeder findet Antworten, die für eine gewisse Zeit ausreichen. Irgendwann werden die alten Antworten brüchig und neue Fragen stellen sich. Wer nicht mehr fragen kann, wer sich selbst und wem die Welt nicht mehr fraglich wird, ist innerlich tot.

Jeder Mensch versucht, sich an etwas anderes seiner selbst rückzubinden (religari ist das lateinische Wort dafür): an andere Menschen, an seine Arbeit, an Drogen, an Gott, an eine "höhere Macht". Jede/r versucht, dem eigenen Leben irgendwie Grund und Boden zu verleihen - auch wenn sich solche Gründe dann bloß als Scheingründe und schwankende Böden herausstellen.

Die Menschen versuchen, sich selbst zu überschreiten, sie genügen sich nicht selbst: sie "transzendieren" - auf andere Menschen, auf eine Idee, ein Ideal hin, auf Gott hin.

Alle Kinder sind religiös: sie fragen

All diese Bewegungen und Bestrebungen kannst du bereits bei Kindern sehen, die jeweils das ihnen Naheliegendste lieben: das, was und wer sich ihnen anbietet. Vielleicht ist dir das schon aufgefallen: Kinder glauben normalerweise alles und begegnen der Welt mit großem Vorschußvertrauen. Sie lieben Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen, was und wen sie kennen - egal, ob ihnen das gut tut oder nicht. du merkst - du hast hier eine große Chance, aber auch große Verantwortung.

Gleichzeitig haben Kinder schon ihre ganz eigenen Ansichten darüber, was "Welt" ist und wie sie "funktioniert". Und schon kleine Kinder stellen Fragen, bei denen du in peinliche Verlegenheit geraten kannst: Woher kommen eigentlich die Menschen? Was ist Zeit? Was passiert nach dem Tod? Wenn du dich nicht sofort in die Biologie oder Physik stürzt, um den Kindern hier Antwort zu geben, stößt du hier auf die ersten Zeichen von Religiosität.

Auch Kinder haben schon die Erfahrung gemacht, daß die Welt mehr ist als das, was sie sehen oder begreifen können. Wenn sie angesichts eines Regenbogens staunen, wenn sie beim Spielen Raum und Zeit vergessen, wenn sie hoffen, daß es dem kranken Papa bald wieder besser geht, wenn sie sich einsetzen für jemanden anderen, dem es schlecht geht oder sich wehren, wenn sie ungerecht behandelt werden - all das ist bereits nicht bloß "Vorstufe", es i s t religiöse Erfahrung.

Die "religiöse" Daseinsweise ist im Menschen also vermutlich von Anfang an grundgelegt. Sie braucht aber konkreten Raum, Zeit, Angebote und vor allem Menschen, damit sie sich ent-wickeln, ent - rollen kann. Und das gilt für Kinder und Erwachsene. Wer immer Raum, Zeit, Angebot und vor allem sich selbst dafür zur Verfügung stellt, erzieht religiös. Und das kannst du durchaus tun in der Jungscharstunde. Niemand, der religiös erziehen möchte, sollte aber vergessen, daß es im letzten Gott selbst ist, der da Wurzeln schlagen möchte.

Und diesem Gott kann man schon einiges zumuten und zutrauen. Niemand ist im letzten dafür verantwortlich und auch in der Lage, einen anderen "religiös zu machen". Wer das versucht, indoktriniert und übt so eigentlich Gewalt aus. Gott selbst drängt sich nicht gewaltsam auf, ist sanft - er kündigt sich im Säuseln des Windes an, nicht in Sturm, Feuer oder Erdbeben.( 1Kön 19, 9a - 13a) Das sollten wir uns zum Vorbild nehmen.

Menschen brauchen andere Menschen, die sie begleiten, die mitgehen und selbst suchen. Religiöse Erziehung, Begleitung und Entwicklung ist also immer auch Beziehung.

Das Christentum kann Antworten geben

Natürlich vollzieht sich religiöse Entwicklung niemals im luftleeren Raum, sondern in einem konkreten geschichtlichen Rahmen. Dieser ist in unserem Fall ein durch das Christentum maßgeblich geprägtes Abendland. Dies zu verleugnen, ist wohl nicht nur sehr anstrengend und kaum möglich - es ist auch "unpraktisch" und kurzsichtig. Denn das Christentum hat neben all den Problemen und Lasten, die es durch Jahrhunderte mitbringt, eine reiche und schöne Tradition, die einem auf dem Weg hin zu einem christlichen Selbstverständnis dienen kann. Christliche Erziehung bedeutet also für Kinder:

  • sie vertraut machen mit den Traditionen, Bräuchen und Weisheiten des Christentums;
  • ihnen von den Erfahrungen erzählen, die Menschen seit Jahrtausenden mit Gott gemacht haben;
  • die Bibel kennenlernen.

Vergiß dabei niemals, daß die Bibel kein Lehr- oder gar Antwortbuch ist: sie ist vor allem ein Fragebuch. Sie bringt die Fragen zur Sprache, die sich Menschen im Angesicht Gottes immer wieder stellen - und sie gibt verschiedenste, oft einander widersprechende Antworten. Wenn du dich mit den Kindern innerhalb christlicher Tradition auf die Spuren dieser Fragen machst, die auch sie sich stellen und ihnen christliche Antwortmöglichkeiten anbietest, ist das christliche Erziehung.

Wie können wir Gott loben? Wie schaut unser Gottesbild aus? Wie rufen wir Gott um Hilfe? Wie klagen wir Gott an? Was wünschen wir uns von Gott? Was gefällt uns an Jesus? Können wir auch jesuanisch handeln und leben? Psalmen, Gleichnisse, Erzählungen, "Biographien" von Moses, Jesaja, Hiob und Jesus können dir und den Kindern bei diesen Fragen weiterhelfen.

Christliche Erziehung bedeutet für Kinder schließlich auch feiern, seiner Freude übers Leben Ausdruck verleihen, singen und tanzen. Auch dafür stellt das Christentum eine Unzahl von Traditionen zur Verfügung, auf die du zurückgreifen kannst und sollst. Niemals sind die liturgischen Formen Selbstzweck - immer sind sie für den Menschen da! Und natürlich ist es auch wichtig für deine Kinder, eigene Ausdrucksformen zu finden, die zu Euch selbst passen und Euch gefallen.

Erst in zweiter Linie ist christliche Erziehung Wissensvermittlung. Die ist natürlich niemals unwichtig, weil deine Kinder sonst viele der biblischen und liturgischen Sachen nicht verstehen können: Wer waren die Pharisäer? Wieviel ist ein Talent wert gewesen? Warum wirft der Priester ein Stückchen von der Hostie in den Kelch?

Wissensvermittlung begründet aber niemals einen existentiellen Glauben - eher einen ideologischen Satzglauben, in dem Wahrheit in Sätze gekleidet auftritt. Ein existentieller Glaube "des Herzens", der Gott und den Menschen vertraut und sie liebt und deshalb gern Gutes tut, ist vielmehr überhaupt erst Voraussetzung für Interesse an "theologischem" Wissen und Bildung.

In diesem Sinn ist christlicher Glaube niemals angeboren, sondern abhängig von dem Umfeld, in dem wir aufwachsen. Daß Menschen aber glauben möchten, einem Anderen vertrauen möchten, ihr Herz schenken möchten, das ist durchaus angeboren. Wenn das aber schon bei den Menschen, mit denen ich zusammenleben muß, nicht klappt, mir schadet und unglaubwürdig ist, wie soll ich dann an einen Gott glauben, den ich nicht einmal sehen kann? Erst wenn ich Menschen lieben und glauben darf und mir das guttut, kann ich an einen Gott glauben, der gut ist und bin bereit, mich mit den christlichen Lehren auseinanderzusetzen.

Das muß ich dann allerdings auch wirklich dürfen: mich auseinandersetzen, mich positionieren, ohne für immer dort festsitzen zu müssen. Kinder müssen sich entwickeln können dürfen. Sonst werden aus christlichen Lehren christliche "Leeren". Insofern gehören auch Glaubenskritik und Religionskritik immer zu einer christlichen Entwicklung. wer nicht aufrichtig und klar "nein" zu etwas oder jemandem sagen kann, kann auch niemals aufrichtig und klar "ja" sagen. Ermögliche deinen Kindern also Auseinandersetzung mit dem Christentum!

Religiöse Erfahrung in der Jungscharstunde?

  • Gib deinen Kindern immer wieder - durch deine Gruppenstundenthemen, aber auch "zwischendurch" - die Möglichkeit, die grundlegenden Fragen nach dem Leben zu stellen. Und freu' dich darüber, wenn du manche Fragen nicht beantworten kannst. Gib ruhig zu, daß du nicht alles weißt! Das ist "Transzendenzerfahrung"!
  • Unterstütze und bestärke deine Kinder darin, das "Leben" und "Gott und die Welt" in Frage zu stellen und zu befragen! Hab keine Angst vor unbeantwortbaren Fragen - manche Antworten finden sich im Lauf der Zeit, manche Fragen sind schlechterdings unbeantwortbar.
  • Die religiösen Fragen stellen sich keinesfalls immer in dieser philosophischen Tiefe. Oft wirst ganz einfach du oder das, was du tun möchtest, von den Kindern in Frage gestellt: Warum müssen wir jetzt das Bild malen? Ich würde das Spiel gern anders spielen! Warum soll ich in die Kirche gehen? Muß ich da jetzt mitbeten? Je jünger die Kinder, um so persönlicher die Fragen: Bist du jetzt böse auf mich? Magst du mich? Spielst du mit mir? Alle diese Fragen gilt es auszuhalten, zuzulassen und ihnen standzuhalten! Du bist gefragt! Und die Haltung des Fragens ist in sich religiös: Fragen nach dem Leben, nach den Menschen und nach dir!
  • Hüte dich, den Kindern ausdauernd Antworten auf ungefragte Fragen zu geben - also. ihnen Vorträge und Predigten zu halten, wenn sie dich nicht danach gefragt haben! Verschone deine Kinder mit den großen theologischen Lehren, die meistens auch Erwachsene nicht verstehen und bloß nachplappern, weil "man" das glauben soll. Freilich sind auch diese Lehren auf dem Boden konkreter Erfahrung gewachsen, doch waren das Erfahrungen erwachsener Menschen, mitunter gelehrter Theologen. Kinder können diese Erfahrungen meistens nicht nachvollziehen, geschweige denn die dazugehörigen Lehren: Jungfräulichkeit, Trinität, Opfertheologie und vieles mehr.
  • Das heißt nun nicht, daß du nur und ausschließlich warten mußt, bis dir ein Kind eine "existentielle" Frage stellt, zumal so etwas nicht planbar ist oder sich in der Jungscharstunde ereignen muß. Du kannst durchaus schon "üben". Du kannst zum einen bestimmte Situationen schaffen, die bestimmte Fragen auslösen können - aber versuche nie, jemandem diese Fragen aufzudrängen. Und du kannst durchaus auch christliche Deutungen und Theorien anbieten, die du aber zuvor auf ihre "Kinderverträglichkeit" geprüft haben solltest.
  • Verstehen das deine Kinder? Kennen sie die dazugehörige Erfahrung? Drückst du dich verständlich aus? Solche Deutungsangebote sollen immer einfach und prägnant sein: Gott liebt die Menschen. Gott hat die Welt erschaffen. Adam und Eva hatten Angst, deshalb haben sie Gott angelogen. Durch diese Deutungsangebote können Kinder auf Begriffe, Theorien und Erklärungen zurückgreifen, wenn sie in Lebenssituationen kommen, in denen sich religiöse Fragen so aufdringlich und "umwerfend" stellen, daß zum Nachdenken keine Zeit ist.
  • Wenn du Deutungen anbietest, mußt du immer Zweifel und Widerspruch aushalten können. Freu dich über Widerspruch und sei skeptisch, wenn dir die Kinder alles glauben und nachplappern! Und trau dich, ihnen christliches Gedankengut anzubieten. Denn Kinder brauchen konkrete Inhalte, mit denen sie sich auseinandersetzen können. Sonst sind sie anfälliger für Sekten, Radikalismen rechter, linker oder religiöser Natur und für blinden Gehorsam. Den sollten sie aber auch nicht dem leisten, was du ihnen erzählst!
  • Versuche, deinen Kindern, religiöse Erfahrung zu ermöglichen! Vergiß aber nicht, daß du sie nicht erzeugen kannst - auch wenn du 100 Kerzen aufstellst und Weihrauch den Raum erfüllt. Gott ist es, der berührt, nicht du! Und der Geist weht bekanntlich, wo er will! Und das muß nun nicht unbedingt in der Gruppenstunde sein! Wo kannst du den Kindern nun Orte solcher religiöser Erfahrung anbieten?
  • "Ordnung" in der Gruppenstunde: Versteh das bitte nicht im Sinne starrer Regeln oder unflexibler Verhaltensmuster! Ordnung bedeutet hier: Deine Kinder müssen verstehen können, was und warum sie gerade jetzt etwas tun. Die Gruppenstunde muß übersichtlich sein. Die Form, in der etwas geschieht oder thematisiert wird, muß den Kindern entsprechen. Die Grundbedürfnisse der Kinder müssen erfüllt werden. Es muß Riten, Bräuche und Regeln geben, die den Kindern dienen, an denen sie sich verläßlich orientieren können - die aber, wenn nötig, geändert werden können und nicht Selbstzweck sind.
  • Spielen ist religiös - Wenn Raum und Zeit aufgehoben sind, die Kinder hier und jetzt ganz da sind und loslassen können und sich auf ein Spiel einlassen, wird die "Fülle des Seins" erfahren.
  • Deine Kinder müssen hoffen dürfen. Wenn es Probleme, Streit und Konflikte gibt, müssen die Kinder "wissen", daß es wieder besser werden kann und du als Gruppenleiter dich dafür einsetzt, daß alles versucht wird, Schwierigkeiten zu lösen.
  • In der Gruppenstunde muß es "gerecht" zugehen. Die Kinder sollen in der Gruppenstunde eine gerechte Atmosphäre erleben: für jede/n ist das da, was er/sie jetzt braucht.
  • In der Gruppenstunde soll und darf es lustig sein, auch wenn wir beten oder mit einer Bibelstelle spielen. Humor ist ein Ort religiöser Erfahrung. Die Kinder sollen erfahren können, daß das Leben schön, lebenswert und lustig sein darf - auch für Christen. Man muß nicht alles so tierisch ernstnehmen, daß man daran zerbricht. Leiden ist kein Selbstzweck und kein Indiz für Religiosität. Leider ist es nicht vermeidbar. Religion hilft aber, Leiden zu lindern! Und das heißt auch, das Leben mit Humor nehmen zu können und zu dürfen.
  • Die religiöse Erziehung sollte sich in deiner Gruppenstunde nicht so abheben vom Alltag, daß nun plötzlich alles anders und vor allem verkrampft abläuft. Der liebe Gott ist sicher nicht sauer auf die Kinder, wenn was nicht so läuft, wie du das geplant hast. Erziehung ist auch im religiösen Bereich immer Beziehung. Niemals darf religiöse Erziehung im Widerspruch zur Menschlichkeit stehen. Vielmehr gilt hier: Menschlichkeit und Frömmigkeit wachsen im selben Maß und sind im Grunde eines. Niemals dürfen sie gegeneinander ausgespielt werden. Gottesliebe und Menschenliebe gehören immer zusammen und wachsen in eins.

Wozu also religiöse Erziehung?

Solltest du "vorhaben", die Kinder in deiner Jungschargruppe religiös zu erziehen, dann überlege dir auch immer dazu, wozu und warum du das eigentlich tust! "Weil sich´s so gehört?" "Weil´s der Herr Pfarrer so will?" "Weil sich sonst die Eltern aufregen?" "Weil du dann nicht Gruppenleiterin sein darfst?" "Weil die Kinder daheim nicht einmal mehr das >Vater unser< lernen?"

Wahrscheinlich sind solche Motive nicht unbedingt dienlich, um wirklich Lust und Freude daran zu verspüren, mit Kindern religiös zu leben. So entstehen viel eher "Pflichtveranstaltungen". Was könnten mögliche Ziele religiöser Erziehung sein?

  • Religiöse Erziehung soll die religiöse Anlage im Menschen entwickeln helfen - in dir und in den Kindern. Das setzt voraus, daß auch du in einer Form von Lebenserfahrung stehst, die du dich "religiös" zu nennen traust. Und daß du auch Vertrauen in Gott und die Menschen hast, daß sich diese Anlage ohnedies entwickeln will. Das entlastet und verhindert, daß du glaubst, Druck ausüben zu müssen.
  • Die Kinder sollen fragen lernen und sich in diesem Fragen nach dem "Ganzen" religiös erleben und nennen trauen und dürfen.
  • Die Kinder sollen sich immer wieder trauen, sich auf den Weg zu machen, weil sie erfahren haben: Es ist gut, Gott zu suchen.
  • Die Kinder sollen selbständige, gesunde, widerständige und anpassungsfähige Menschen werden, die lieben können und glauben, daß sie es wert sind, geliebt zu werden.
  • Die Kinder sollen sie selbst werden. Nur wer sich selbst gefunden hat, wird Gott suchen. Nur wer sich selbst suchen darf, wird Gott suchen wollen - und finden können.
  • Die Kinder sollen in ihrem ganzen Leben religiös leben lernen: das heißt, sich selbst, die anderen Menschen und Gott lieben zu können, sich als geliebt erfahren und gerne leben - in der Kirche, in der Schule, zu Hause.
  • Die Kinder sollen lernen, die zwiespältigen Widersprüchlichkeiten und Spannungen des Lebens auszuhalten und so auflösen zu können, daß es allen Menschen und einem selbst halbwegs gut dabei gehen kann. Das heißt: bestimmte Sachverhalte, Tatsachen annehmen können, wenn nötig - sie aber auch verändern können, wenn das erforderlich ist. Sie sollen sich anpassen können, aber auch Widerstand leisten können. Man darf und soll Kinder auch fordern, aber ebenso auch entlasten von unnötigen Schwierigkeiten. Kinder sollen erkennen können, wo es um sachliche Probleme geht, aber auch sehen, wo sie als Menschen, persönlich gefragt und unersetzlich sind. Sie sollen sich an Menschen und Ideen binden können, sich von diesen aber ebenso befreien können, wenn ebendiese Menschen oder Ideen sie unterdrücken und ihnen schaden.
  • Kinder sollen ihre eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können: mit einem klaren Ich, klaren Wünschen, Werten, Überzeugungen und einem klaren Willen - selbständig, selbstbewußt, selbstsicher, selbstverständlich und selbstverantwortlich. Sie sollen lernen, sich in eine Gemeinschaft einzufügen, sich für andere/s zu engagieren und zugunsten anderer auf etwas bewußt und freiwillig zu verzichten. All das ist bereits in sich religiöse Erziehung. Wer sich hier an ganz normale Erziehungsziele erinnert fühlt, erinnert sich richtig. Religiöse Erziehung umfaßt menschliches Leben im ganzen!
  • Kinder sollen schließlich durch religiöse Erziehung Deutungen und Werte kennenlernen und sie als Folge von Erfahrung an- und übernehmen können. Niemals können bestimmte Deutungen, auch wenn sie noch so wahr sind, Ursache für Glauben sein.
  • Kinder sollen auch erfahren, daß es "etwas" gibt, das größer ist als sie selbst, das über sie hinausgeht, das sie nicht verstehen, begreifen oder besitzen können. Das ist eine mitunter nicht angenehme Erfahrung. Sie darf Kindern nicht unnötig Angst machen, soll aber auch nicht angstvoll vermieden werden. Sie darf auch niemals dazu dienen, Kinder und ihre Fragen abzustellen: Sag lieber "Das weiß ich nicht!" und nicht "Das kannst du nicht verstehen!" Das Kind lernt die Grenzen dieser Welt kennen, indem es sieht, daß auch Erwachsene Grenzen haben und anerkennen müssen. Auch sollen sie diese Erfahrung selbst machen können, wenn sie bereit dafür sind - und nicht hineingestoßen werden.
  • Am Ende solcher Erfahrung steht dann vielleicht die seelisch-leiblich-geistige Erkenntnis, daß ich mich mir nicht selbst verdanke und mein Ursprung und mein Ziel nicht in mir selbst liegen. Ich bin nicht das Maß aller Dinge - bis zu dieser Erkenntnis ist es oft ein weiter Weg, den man nicht durch das Aufsagen der 10 Gebote oder irgendeines anderen "Glaubenssatzes" herbeireden kann. Das Leben lehrt einen diese Erkenntnis - und erst auf diesem Boden wächst freiwillig moralisches Verhalten.
  • Wenn sich die Erfahrung, daß ich abhängig bin - von einer "höheren Macht", von "der Natur", von Gott - als Entlastung zeigen kann, wenn Menschen diese Erfahrung als angenehm und befreiend erleben können, dann ist religiöse Erziehung "gelungen". Kindern braucht man solche Sachen nicht predigen oder erklären - entscheidend ist, was sie sehen und erleben. So auch das, was du in der Jungscharstunde tust, wie du es tust, welches Klima in der Gruppenstunde herrscht, wie du lebst und wie die speziell religiösen/christlichen Gruppenstunden verlaufen.
  • Vergiß nicht: die religiöse/christliche Gruppenstunde braucht weder der Herr Pfarrer, noch der Papst und schon gar nicht der liebe Gott. Deine Kinder brauchen sie!
  • Laß deinen Kindern Zeit - Du willst sie ja selber auch haben! Und sei bescheiden! Religiöse Erziehung ist Stückwerk - niemals abgeschlossen und auch unabschließbar, solange wir leben.
  • Deine Kinder müssen auch erfahren, daß es ihnen gut tut, religiös zu sein; daß es ihr Leben leichter macht, daß Religion heilt und befreit - und nicht, daß sie deshalb immer braver sein müssen als die, die nicht "in die Kirche gehen".
  • Der "Erfolg" religiöser Erziehung ist ein Mensch, der wächst, reift und sich ein Leben lang entwickelt, fragt und sucht - nach dem "Ganzen", nach dem "Sinn", nach Gott. Du kannst in deiner Gruppenstunde ein kleines Teilchen dazu beitragen. Du bist ein Puzzleteil in einem ganzen langen Leben. Das ist nicht viel, aber auch nicht unbedeutend. Puzzlespieler wissen, wie unangenehm sich ein fehlendes Teilchen auswirken kann.

Religiöse Erziehung ist also sehr umfassend - umfassender, umfangreicher und grundlegender als die spezifisch christliche Erziehung. Religiöse Erziehung nimmt die Kinder ernst, in dem, was sie bewegt. Zeig den Kindern, wie man das Leben bewältigen kann. Hilf ihnen, die Welt besser zu verstehen. Hör ihnen zu und setze dich mit ihnen auseinander. Ausgangsort ist immer die Erfahrung und Welt der Kinder.

Die zentralen religiösen Fragen, die dir die Kinder immer wieder stellen werden, lauten:

  • Warum ist die Welt so, wie sie ist?
  • Wer bist du für mich?

Hinter vielen Fragen, die dir Kinder stellen, verbergen sich diese beiden Grundfragen: die Frage nach dem Warum und die Wer frage. Du mußt nur genau hinhören! Und : DU bist gefragt!

"Lasset die Kinder zu mir kommen!"

Das Christentum gibt dir nun eine ganze Menge von Hilfestellungen, den Kindern mögliche Sichtweisen und Antworten auf ihre religiösen Fragen zu eröffnen. Wenn du Traditionen weitergibst, gib immer das Feuer weiter und nicht die Asche! Such die Flamme, die Glut in den alten Riten, Bräuchen und Lehren. Damit kannst du die Kinder berühren. Und dabei entwickelst auch du dich weiter!

  • " Übe mit den Kindern christliche Gewohnheiten ein, aber zwinge sie nicht! Fordere sie, aber überfordere sie nicht. (Lied am Ende der Gruppenstunde, einmal im Monat ein gemeinsames Gruppengebet, ...
  • Erzähl den Kindern vom guten Gott, vom guten Hirten, von Jesus, vom väterlich-mütterlichen Gott.
  • Feiere mit deinen Kindern - das ist laut und lustig und oft (für dich) anstrengend. Feiern ist eben locker und entspannt. Entspanne dich selbst! Liturgie heißt Feiern und Feiern macht Freude! Freude aber ist sichtbar, hörbar und bewegt!
  • Auch für christliche Gruppenstunden gilt: Kinder wollen geliebt und geborgen sein, gelobt werden und in ihren Sichtweisen anerkannt werden, verantwortlich und selbständig sein - also auch etwas tun dürfen, nicht nur belehrt werden. Sie wollen sich auch hier auskennen und Zusammenhänge erkennen können und Neues erfahren.
  • Der Weg zu Jesus ist oft ein Mosaik. Vieles setzt sich auch auf dem Weg eines Christen erst später zusammen und Zusammenhänge werden erst spät erkannt. Habe Mut, ja, liebe die Unvollkommenheit!
  • Durch die christliche Deutung soll auch nichts Neues dazukommen, was abseits der Wirklichkeit steht. (magischer Wunderglaube, ein Bild vom zaubernden Jesus, ein allmächtiger Gott, der auch alles zerstören kann,...) Vielmehr soll das, was wir bereits kennen, angereichert werden um eine tiefergehende Dimension und Interpretation. So sind Wunder keine Zauberei, sondern zeigen, welche Kraft im Menschen, so auch in den Kindern frei werden kann, wenn man Gott vertraut. So konnte ich dem Maxi verzeihen, was im übrigen gar nicht so leicht war - aber ich wollte das und die Kraft habe ich von Gott gekriegt.
  • Verwende Symbole, um die Kinder zum Nachdenken anzuregen. Daran können sie üben und erkennen, wie vielschichtig, mehrdeutig und tief die Wirklichkeit ist. Sag ihnen nicht, was Symbole bedeuten sollen - laß sie selbst den Dingen - Wasser, Kreuz, Baum - Bedeutungen zuordnen. Ein Symbol ist immer mehrdeutig. (Vgl. hierzu den Behelf "Heiliges Spielen")
  • Gib den Kindern immer wieder die Möglichkeit, innezuhalten und zu sich zu kommen: Was tu ich? Was fühle ich? Was möchte ich? Was vermeide ich? Was erwarte ich? Ermögliche den Kindern solche Oasen des Innehaltens, des Nachdenkens, des zur Ruhe Kommens - natürlich in methodisch-spielerischer Form. Bedenke: wer sein Leben in Ordnung bringt, der betet!
  • Und erzähle, erzähle, erzähle ... Geschichten von dir selbst, von anderen Menschen, von Gott, aus der Bibel. Erzähle Märchen, Abenteuergeschichten, Gedichte, ... erfinde mit den Kindern Geschichten und laß sie selbst erzählen und all diese Erzählungen deuten. Das Christentum ist eine "Erzählgemeinschaft".
  • Wichtiger als das was du sagst, ist das, was du tust. Vom barmherzigen Vater zu erzählen und dabei sauer zu sein, weil das die Barbara nur fad findet, ist irgendwie kontraproduktiv ...
  • Was nicht geht, laß sein! Vielleicht geht es später.
  • Ermutige und fordere deine Kinder auf, sich auf die christlichen Angebote einzulassen. Gib nicht gleich nach bei Widerspruch! Sag ihnen, daß dir dieses Thema wichtig ist (sofern das wahr ist) - aber brich niemals ihren Widerstand. Das ist immer eine Gratwanderung, die viel Einfühlungsvermögen braucht. Sei nicht sauer, wenn sie "deine" Gebete, Andachten und Meßvorbereitungen fad finden. Du bist auch kein Versager, wenn sich die Kinder nicht mit Begeisterung auf die Bibelgruppenstunde stürzen. Erstens ist das normal und wird schon seine Gründe haben - und zweitens muß das auch nicht immer so bleiben (- und wer weiß, vielleicht sind deine Angebote ja wirklich fad ...).
  • Vertrau auf den Zu - fall. Du sollst deinen Kindern durchaus Christliches anbieten, sie einladen, ihnen immer wieder etwas anbieten, ihnen Auseinandersetzung ermöglichen. Aber der Glaube eines Menschen ist im letzten immer Zu-fall: Personen, Bücher, Musik, Erlebnisse, alles, was einem im Leben begegnet, eben zufällt, kann - im richtigen Augenblick - in einem Menschen etwas zum Klingen bringen. Das kann auch in der Jungscharstunde passieren, aber es muß nicht so sein.
  • Auch christliche Erziehung beginnt nicht bei den Glaubensinhalten, sondern beim konkreten Kind! Es geht nicht darum, das Kind kindgerecht die 10 Gebote zu lehren, weil es die als Christ doch können soll - sondern frag dich lieber und zuerst: Was braucht das Kind, um gut handeln zu können? Unterstütze, ermutige und begleite deine Kinder, gib ihnen Orientierungshilfen, wenn sie sich überlegen, was in einer Situation zu tun ist - laß sie gedanklich "Fallgeschichten" durchdenken. Ziel ist aber immer, daß sie sich selbst für gutes Handeln entscheiden lernen - und nicht, daß sie die 10 Gebote auswendig "runterratschen" können.
  • Kinder sollen auch deine Glaubenswelt miterleben können. Bau also keine Scheinwelt auf! (Christkindglaube) Verhindere aber auch nicht krampfhaft eine andere religiöse Erlebniswelt! (Christkindglaube)
  • Vergiß nicht: auch ein Kind denkt in alle Richtungen menschlichen Daseins, nur ist der Kreis noch kleiner. Und auch ein Kind hat so seine eigenen Ansichten.

miteinander Schritte auf Gott hin machen

Die Besprechung des Lebens ist die eigentliche Aufgabe religiöser und christlicher Erziehung. Wenn du von Gott sprichst, tu dies immer anhand des Lebens der Kinder, nicht direkt in Lehrsätzen über den "allmächtigen, allwissenden Gott". Eine religiös-christliche Erziehung versucht, Bedingungen zu schaffen, daß Kinder selbständig eine eigene Gottesbeziehung aufbauen können.

Dies vollzieht sich in Schritten:

  • Erfahrungen machen können: miteinander spielen, lachen streiten, essen, ....
  • Sinn suchen und besprechen, die Erfahrungen deuten: Das war gut. Das tat weh. Das hätte ich anders machen sollen. Das mach ich wieder so. Das hat mir gutgetan. Das hat mir geschadet. ...
  • Religiöse Interpretation: die Deutungen und Erfahren werden in ein christliches Weltbild eingeordnet, das sich stets wandelt. Gott mag mich - trotzdem das blöd war. Ich kann Jesus um Hilfe bitten. Da hab ich wie Jesus gehandelt und einem ist es gut gegangen. ...
  • Feiern: als Ausdruck der Freude und der Dankbarkeit, daß wir so leben und sein dürfen, wie wir sind.

Für diese Schritte wünsche ich dir und deinen Kindern viel Kraft, viel Selbstvertrauen, viel Glauben, Hoffnung und Liebe - viel Gottvertrauen und Gottes Segen!

Der Mensch ist die Frage - er ist nicht die Antwort!

Regina Polak

Dieser Artikel greift zahlreiche Ideen und Ansätze der Vorlesung über Religionspädagogik auf, die Univ. prof. Dr. Wolfgang Langer an der Kath. Theologischen Fakultät der Universität Wien gehalten hat.

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