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Beziehungen unter Kindern

Wir ermutigen Kinder, ihre Freundschaften mit anderen Kindern bewußt zu pflegen.

Beziehungen unter Kindern gestalten sich weitgehend autonom. Kinder spielen miteinander, Kinder schließen Freundschaften, Kinder streiten und versöhnen sich, Kinder können sich einfach nicht leiden, Kinder halten zusammen, Kinder tun einander weh. Kinder können auch traurig und mutlos werden, wenn sie erleben müssen, daß sie nicht „dazugehören“, daß sie nicht gerne gesehen sind oder mit den anderen Kindern nicht mithalten können.

Was Kinder selbst von der Jungschar erwarten ist Gemeinschaft.

Jungschararbeit konzentriert sich darauf, Kindern eine Gruppe und deren Begleitung anzubieten, wo sie im Rahmen eines bewußten Miteinanders Beziehungen eingehen, gestalten und vertiefen können.

Das ist ein Entwicklungsprozeß, der von unterschiedlichen Faktoren bestimmt wird: von den individuellen Merkmalen und Charaktereigenschaften der Kinder, vom sozialen Umfeld, aus dem sie herkommen (Familie, Schule, sozialer Status ...), von der Art und Intensität des Umgangs untereinander, von der Zeit, der Dauer und der Häufigkeit des Zusammenseins und letztlich auch von den Rahmenbedingungen für das Grup-penleben.

Von Dir als GruppenleiterIn erwarten sich die Kinder, daß Du den Überblick behältst und ihnen hilfst, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Eine Deiner wichtigsten Aufgaben nennen wir partielles Engagement in der Gruppe: Es ist die Fähigkeit, Dich im geeigneten Augenblick aus dem Gruppengeschehen (innerlich) zurückzuziehen, um Dir einen entsprechenden Überblick über das, was gerade läuft, zu verschaffen. Das hilft Dir bei der Entscheidung, wie Du Dich jetzt weiter verhalten sollst, wenn Du nach dieser Außenwahrnehmung wieder in den Gruppenprozeß einsteigst.

Du begleitest die Entwicklung der Gruppe

Eine Gruppe durchläuft verschiedene Entwicklungsphasen. Wir nennen das den Gruppenprozeß. Das ist ein sehr lebendiges Geschehen. Zur Beschreibung dieses Gruppenprozesses gibt es ein anschauliches Modell, das wir Dir hier vorstellen wollen. Du mußt aber wissen, daß diese Entwicklungsschritte in der Praxis nicht so eindeutig nacheinander erfolgen. Rückschritte sind ebenso üblich wie das Überspringen einzelner Phasen.

Zu Beginn steht die Phase der Fremdheit. Für die Kinder stellen sich zwei große Fragen: Wer sind die anderen? Wie wird es mir mit ihnen ergehen?

Dann folgt die Phase der Orientierung. Es geht also um das Verteilen von Plätzen und Rollen in der Gruppe. Wer gehört jetzt dazu? Wer darf was? Was wollen wir da miteinander?

In der Phase der Vertrautheit wächst das „Wir“-Gefühl bei den Kindern. Wir schaffen es! Wir gehören jetzt zusammen! Wir machen alles miteinander! Das Vertrauen ineinander wächst und gibt der/dem einzelnen die nötige Sicherheit.

Aus dieser Sicherheit wird Differenzierung möglich. Diese Phase ist heikel im Gruppenprozeß, weil es bei allem Wir-Gefühl zu erkennen und auszuhalten gilt, daß jede und jeder auch unterschiedlich zu den anderen ist, anders fühlt, anders denkt, etwas anderes will. Differenzierung kann einer Gruppe Angst machen, weil sie kritische Auseinandersetzung gegebenenfalls auch Streit bedeutet. Das große Ziel für die Gruppe ist eine Gemeinsamkeit trotz aller Verschiedenheit zu erreichen.

Jede Gruppe geht einmal zu Ende und braucht einen Abschluß. Die Kinder sind älter geworden, ihre Lebensumstände haben sich verändert, es gibt neue Interessen und Ziele. Die Trennungsphase ist von widerstreitenden Gefühlen begleitet: Trauer, daß eine schöne Zeit vorbei ist, Unruhe, weil anderes interessanter geworden ist, Unsicherheit, weil unklar ist, was „danach“ kommt, vielleicht auch Erschöpfung, weil fast alles gespielt ist und die Beziehungen alltäglich geworden sind.

Ein privat geführtes Gruppentagebuch hilft Dir, den Entwicklungsprozeß Deiner Gruppe zu verfolgen. Du tust Dich dann auch leichter, besondere Auffälligkeiten in der Gruppe richtig zu deuten.

Äußere Rahmenbedingungen haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf das Gruppengeschehen. Experimentiere ruhig ein bißchen mit Raumgestaltung, Gruppenritualen oder Ortswechsel, wenn Du den Eindruck hast, ihr kommt irgendwie nicht weiter.

Unterschiedliche Gruppenphasen verlangen unterschiedliche Methoden. Am Anfang wird es hilfreich sein, viel dafür zu tun, daß sich die Kinder gut kennenlernen und aneinander orientieren können. Später brauchen sie Aktivitäten, die ihre Gemeinsamkeit betonen, dann wieder Methoden, die ihnen helfen, Entscheidungen zu treffen oder Konflikte zu lösen. Beziehe in Deine Überlegungen zur Vorbereitung der Gruppenstunden immer auch den Entwicklungsprozeß der Gruppe mit ein.

Mädchen brauchen etwas anderes von Dir als Buben

Wenn wir bisher von „den Kindern“ geschrieben haben, dann müssen wir uns bewußt sein, daß es Mädchen und Buben sind. Diese absichtliche Unterscheidung ist für Deine Gruppenarbeit wichtig.

Derzeit ist etwa die Hälfte aller Jungschargruppen koedukativ, d.h. Buben und Mädchen besuchen gemeinsam die Gruppenstunde. Ein gutes Drittel sind Mädchengruppen, der Rest Bubengruppen. Insgesamt sind etwa doppelt so viele Mädchen bei der Jungschar wie Buben.

Du wirst das auch in Deiner Gruppe beobachten können: Die Buben sind oft die lauteren, die mehr nach außen drängenden, mehr Raum beanspruchenden, sind die, die sich schwerer tun, etwas von sich zu erzählen und sich nicht gerne anderen unterordnen. Daß sie deshalb auch Probleme haben und vieles von ihrem äußeren Gehabe notwendige Fassade ist, um Schwächen und Ängste zu verbergen, wird oft übersehen. Buben werden recht schnell mit dem Etikett „nicht angepaßt“, „schwierig“ oder „aggressiv“ bedacht. Oft werden sie damit mehr oder weniger sanft zum Gehen gedrängt oder bleiben von selber weg.

Die Mädchen wiederum gelten als „brav“, sie verhalten sich angepaßter und tragen oft zum guten Gruppenklima bei. Mädchen helfen selbstverständlicher beim Zusammenräumen, sie zeigen nach außen hin deutlicher, daß Du ihnen als GruppenleiterIn wichtig bist, sie ertragen oft geduldig die „Spinnereien“ der Buben. Wenn die Buben besonders dominant sind, dann kommen die Mädchen zu kurz, oft genug leisten sie wenig Widerstand und „schlucken“ ihren Frust.

Dir als GruppenleiterIn muß bewußt sein, daß die Buben und Mädchen in Deiner Gruppe nur das spiegeln, was in unserer Gesellschaft zur Zeit in der Frage der Geschlechterrollen aufbricht. Traditionell männliche Dominanz gerät zunehmend unter Druck eines erstarkenden Selbstbewußtseins der Frauen. Die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist gesamtgesellschaftlich noch lange nicht erfüllt.

Achte eine Zeitlang auf Dein Verhalten den Buben und Mädchen in der Gruppe gegenüber und auf die Gefühle und Phantasien, die Du dabei spürst: Was bedeuten Dir die Mädchen? Was bedeuten Dir die Buben? Wie verteilst Du Deine Aufmerksamkeit unter ihnen? Wovon läßt Du Dich leiten? Was freut Dich, was stört Dich an den Buben/an den Mädchen?

Versuche einmal - absichtlich und den Kindern gegenüber begründet - bestimmte Gruppenregeln, die eindeutig geschlechtsspezifisch orientiert sind, zu durchbrechen (Es räumen nicht mehr die Mädchen auf, sondern die Buben ..., Beim Basteln dürfen die Mädchen an Hammer, Säge und Bohrmaschine - und die Buben machen die Feinarbeit ..., Beim Sommerlager sind die Buben fürs Kochen und Tischdecken zuständig und die Mädchen bauen die Zelte auf ...)

Wenn Du eine koedukative Gruppe leitest, dann solltet ihr zu zweit sein: eine Frau und ein Mann. Dann ist es auch leichter, in manchen Phasen die Gruppe nach Mädchen und Buben zu teilen.

Die Gruppe unterstützt die Freundschaften der Kinder

Freundschaften sind angenehme persönliche Erfahrungen und fördern die individuelle und soziale Entwicklung des Kindes. Kinder lernen miteinander und voneinander Kooperation und Wettbewerb, moralische Normen, Umgang mit Aggression, Vertrauen und Einfühlungsvermögen. Freundschaften verhelfen Kindern zum Aufbau eines positiven Selbstbildes, sie befähigen zu positivem Beziehungsverhalten im Erwachsenenalter.

Im Jungscharalter erweitert sich der eigene Lebensradius der Kinder. FreundInnen helfen dabei, sich neue Lebensräume anzueignen, sie bestärken und ermutigen, sie können Vorbild sein.

Mit zunehmendem Alter gewinnt die Freundesclique mehr an Bedeutung. Sie bildet einen Ausgleich zur Ablösung vom Elternhaus. Viele Fragen, die jetzt im Zusammenhang mit der Pubertät und der Geschlechtsentwicklung auftauchen, werden lieber und oft besser unter FreundInnen als zu Hause besprochen. Für die Kids wird die Clique so wichtig, daß sie die Zugehörigkeit durch entsprechende Zeichen (Kleidung, Verhaltensnormen, sprachlicher Ausdruck,...) nach außen hin sichtbar machen. Kinder haben gerne viele Freunde. Sie wissen aber auch um die Bedeutung einer wichtigen, engen Freundschaft. Diese wiegt oft mehr als eine Menge lockerer, oberflächlicher Beziehungen.

Die Jungschargruppe ist nicht der Ort, wo Kinder ihre FreundInnen finden (Das ist eher die Schule oder die Wohnumgebung). Sie ist aber sicher der Ort, wo sie sich mit ihren FreundInnen treffen.

Rechne damit, daß Du in der Gruppe verschiedene kleine Freundesgruppen oder -cliquen hast. Das kann für den Zusammenhalt der Gruppe förderlich, aber auch störend sein.

Wenn Freundschaften auseinandergehen, ist das eine heikle Angelegenheit. Trennungen stellen bislang Gewohntes massiv in Frage, machen Angst und sind Anlaß für Trauer und Wut. Wenn sich auch die Kinder damit scheinbar leichter tun als Erwachsene, mußt Du in diesen Situationen viel Einfühlungsvermögen und Verständnis für sie aufbringen, vor allem auch deshalb, weil davon nicht nur einzelne Kinder, sondern die ganze Gruppe betroffen ist.

Auch wenn die Kinder Dich als ihre Freundin bzw. ihren Freund bezeichnen, so hat dies doch eine andere Qualität als eine Freundschaft unter Gleichaltrigen. Du bist als Gruppen-leiterIn nie auf der gleichen Ebene wie die Kinder Deiner Gruppe. Du bist älter, hast mehr Erfahrung, verfolgst andere Interessen und verfügst letztlich über Macht - auch den Kindern gegenüber. Eine derartige Zuwendung der Kinder mag Dir schmeicheln, Deine Verantwortung darfst Du deshalb keinesfalls vergessen.

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