Das Zusammensein mit Mädchen und Buben passiert nicht abseits gesellschaftlicher Entwicklungen. Jungschar ergreift Partei und engagiert sich für gute Lebensbedingungen von Kindern. Das Wissen darüber, was Kinder im Alltag brauchen, ist Grundlage dafür.
Das Wort Politik leitet sich von dem griechischen Begriff "polis" ab, das soviel wie die "Gesamtheit der BürgerInnen" - heute meinen wir damit die Gesamtheit aller Menschen - bedeutet. Überall dort, wo mehrere Menschen gemeinsam ihr Zusammenleben aufeinander abstimmen, gemeinsam einen Rahmen für das Miteinander-Leben gestalten und bestimmen, finden wir "Politik", sei dies nun in einer Jungschargruppe, in einer Pfarre, in einem Bundesland oder darüber hinaus. Oft ist der Begriff fälschlicherweise auf Tagespolitik und auf sogenannte PolitikerInnen eingeschränkt.
Politik ist aber mehr: Es betrifft den Umgang mit Dingen, die die alle Menschen betreffen. Somit müssten Kinder und jugendliche GruppenleiterInnen etc. selbstverständlich an politischen Entscheidungen Anteil nehmen können.
"Einen Zugang zur Politik kann man nur durch politisches Handeln finden. Was Politik bedeutet und worin sie besteht, muss man durch eigenes Tun in Erfahrung bringen, sonst begreift man sie nie." (Volker Gerhardt, Philosoph). Es gilt, von der interessierten BeobachterIn zur/zum AkteurIn zu werden. Dies tun Menschen indem sie Verantwortung für eine Gemeinschaft übernehmen
u n d dies im Tun zum Ausdruck bringen. Politisches Handeln kennzeichnet sich durch:
Verantwortung zu übernehmen, hat immer auch etwas mit Einfluss und Macht zu tun. Macht wird von unterschiedlichen Personen, die verschiedenste Positionen haben auch sehr unterschiedlich ge- bzw. benutzt! Ideal wäre ein Verständnis von Macht zu entwickeln, wie es die Philosophin Hannah Arendt definiert hat: "Macht ist die Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln."
Politische Entscheidungen passieren nie im luftleeren Raum. Wenn es um gemeinsame Entscheidungen für das Zusammenleben aller geht, dann gehen Menschen immer von einer bestimmten Vorstellung aus, was denn gut sei: Jede politische Entscheidung, sei dies nun ein Jugendförderungsgesetz, eine neue Karenzregelung oder die Entscheidung, dass den Kindern der größte und hellste Gruppenraum im Pfarrhof zur Verfügung steht ist von bestimmten Wertmaßstäben geprägt. Diejenigen, die die Entscheidung treffen haben immer je unterschiedliche Sichtweisen, wie das Miteinander-Leben am besten möglich wäre. Die Vorstellungen vom "guten Zusammenleben" sind immer wieder zu artikulieren und um die gemeinsame Sichtweise muss gerungen werden.
Für die Jungschar ist es ein Wert, Lobby im Interesse von Kindern zu sein. Die Jungschar will an der Gestaltung des Zusammenlebens mitwirken. Das Wollen ist die Basis für politisches Interesse und politisches Handeln. Für politisches Handeln gilt, nicht nur den/die Einzelne zu sehen, sondern den Blick zu erweitern: vom Individuum hin zur Gruppe, zur Pfarrgemeinde..., auf Menschen, die in Österreich leben...auf benachteiligte Menschen im Süden "über den individuellen Tellerrand" zu schauen, wie ein gutes Zusammenleben mit speziellem Blick auf die Kinder möglich ist. Wir möchten als Jungschar, dass Kinder und Jugendliche an Entscheidungsprozessen teilnehmen!
Um Positionen vom "guten gemeinsamen Leben" zu erlangen, besteht auch in der Jungschar immer wieder Diskussionsbedarf.
"Niemand will soviel Reformen durchführen wie Kinder." (Franz Kafka) -
Nicht immer kann davon ausgegangen werden, dass politisches Handeln mit Kindern auch gleichzeitig Mitbestimmung von Kindern ist. Wir sind in der Jungschar bemüht, Beteiligungsmodelle, die den Bedürfnissen der Kinder entsprechen, anzubieten und zu fördern.
Mitbestimmen in der Jungschargruppe:
Es gilt eine politische Kultur in einer Jungschargruppe zu entwickeln, Mädchen und Buben zu beteiligen, und ihnen aktiv diese Beteiligung an der Gestaltung des Miteinander-Lebens in der Gruppe anzubieten.
Mitbestimmungsaktionen für Kinder (von Erwachsenen - meist - geplant)
Bei Kinderkonferenzen bzw. mit Kindertauglichkeitstests sollen Kinder aufgerufen werden, ihre Meinung über sie und ihr Lebensumfeld betreffende politische Themen öffentlich kundzutun. (siehe Modellheft)
Kinder in politische Aktionen mit einzubeziehen oder sie zu Gesprächen mitzunehmen, ist o.k., wenn...
Bei beiden Formen ist wichtig, dass ...
Für die meisten Anliegen, die Kinder betreffen, können sie nicht selbst eintreten. Deshalb ist es notwendig für Kinder Partei zu ergreifen / Lobby in ihrem Interesse zu sein, indem wir ihre Lebenswelt und ihre Lebensbedingungen zur Sprache zu bringen (Scheidung, Betreuungssituation, Arbeitszeitregelung ...), und an deren Verbesserung zu arbeiten. Eines müssen wir uns dabei bewusst machen:
Wenn wir für Kinder politisch handeln, sind es unsere erwachsenen Vorstellungen oder die Vorstellungen von jugendlichen GruppenleiterInnen von einem "Guten-Miteinander-Leben" für und mit Kindern, und nicht die Vorstellungen der Kinder. Somit müssen wir bei politischen Entscheidungen und politischen Positionen immer wieder fragen, was sie für Mädchen und Buben bedeutet und welche Auswirkungen sie auf die Kinder hat.
"Der Christ der Zukunft wird mystisch und politisch sein oder er wird nicht mehr sein!" (Karl Rahner)
Als Christen und Christinnen haben wir Verantwortung für diese Kirche zu übernehmen, deren Entscheidungen und Positionen Kinder wie uns Erwachsene betreffen. Als Kinderorganisation der Katholischen Kirche und als Teil der Katholischen Aktion haben wir "dem Wesen der Kirche entsprechend, das Recht und die Pflicht, auch zu den Fragen des öffentlichen Lebens, vor allem den sozialen, Stellung zu nehmen"*) und sind somit verpflichtet politisch zu handeln. Die Qualität einer Gesellschaft misst sich auch daran, wie sie mit ihren Kindern umgeht - auch innerhalb der Kirche!
*) Richtlinien zur Gestaltung der kirchlichen Jugendarbeit in Österreich, hrsg. v. d. österreichischen Bischofskonferenz 1946
Verwendete Literatur:
KJSÖ (Hrsg.): In der Mitte sind die Kinder. Handbuch Jungschararbeit, Wien 1996
Inge Pröstler: Das politische Handeln von Frauen. Diplomarbeit, Wien 1995
Protokoll der Jungschar-Akademie v. 18.-23.7.1999: Gesucht: politische Menschen als Lobby im Interesse von Kindern.
BLK 1993 d. KJSD: Partizipations- und Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern, Bernhard Natschläger
KJSÖ, im September 2000